Von Antje Peter, freie Traurednerin in Berlin
Foto: (c) istock.com / Count Kert

Stellt euch vor, ihr sitzt in einem abgedunkelten Opernhaus – egal ob in Berlin, Wien oder Prag – und der Vorhang hebt sich. Was euch erwartet: Liebe. Aber nicht die stille, alltägliche Liebe, die sich in geteilten Mahlzeiten und langen Spaziergängen ausdrückt. Sondern Liebe als Naturgewalt. Liebe, die lügt, verführt, vergibt und tötet. Liebe, die fast immer in eine Hochzeit mündet – oder an ihr scheitert. Als freie Traurednerin in Berlin begleite ich echte Menschen zu ihrem echten Ja-Wort. Und als ehemalige Literaturübersetzerin aus dem Italienischen und Französischen beschäftigt mich seit Jahren die Frage: Was hat die Oper mit der Hochzeit zu tun? Was erzählen uns diese großen Werke über das Ritual der Bindung – und warum ist da immer so viel Drama im Spiel?

Ich lade euch ein, gemeinsam durch das Opernrepertoire zu streifen. Von Mozart bis Janáček, von Puccini bis Verdi. Die Werke, um die es hier geht, sind keine abstrakten Musikgebäude. Sie sind Spiegel. Und was sie spiegeln, ist erstaunlich nah an dem, was echte Paare bewegt, wenn sie sich auf den Weg zu ihrer Hochzeit machen.

Don Giovanni – wenn die Hochzeit als Beute endet

Mozart und sein Librettist Lorenzo da Ponte haben 1787 in Prag etwas Ungeheuerliches auf die Bühne gestellt: einen Mann, dessen einzige Beziehung zur Hochzeit die einer Raubtier zu seiner Beute ist. Don Giovanni, uraufgeführt am 29. Oktober 1787 im Nationaltheater Prag, ist ein Dramma giocoso – ein heiteres Drama, wie Mozart selbst die Gattung nannte. Und das ist schon die erste Pointe: An diesem Abend ist nichts wirklich heiter, und alles ist Drama.

Die Handlung beginnt mit einem Mord. Don Giovanni, ein spanischer Edelmann und pathologischer Verführer, tötet den Vater von Donna Anna, nachdem er versucht hat, sie zu vergewaltigen. Sein Diener Leporello führt ein Verzeichnis der Verführten – das berühmte Katalog-Register, das in Spanien allein 1003 Frauen ausweist. Darunter verheiratete Frauen, Witwen, Bäuerinnen, Adlige. Eine dieser Frauen ist Donna Elvira, der Don Giovanni die Ehe versprochen und sie kurz nach der Hochzeit verlassen hatte. Dann trifft er auf eine ländliche Hochzeitsgesellschaft: Die Bäuerin Zerlina soll den braven Masetto heiraten. Don Giovanni sieht eine Chance. Er lädt die gesamte Hochzeitsgesellschaft auf sein Schloss ein, drängt Masetto fort und versucht, Zerlina zu verführen. Das Ritual der Hochzeit interessiert ihn nicht als Verbindung zweier Menschen – es interessiert ihn als Hindernis, das er überwinden kann.

Was Mozart und da Ponte mit diesem Stoff erzählen, ist etwas Fundamentales über die Bedeutung von Hochzeitsritualen: Sie haben nur dann Wert, wenn die Menschen, die sie vollziehen, es ernst meinen. Don Giovanni behandelt das Versprechen als leere Hülle. Das Duett Là ci darem la mano – zu deutsch: „Reich mir die Hand, mein Leben“ – ist einer der schönsten Momente des Opernrepertoires. Und gleichzeitig einer der verlogensten. Es klingt wie ein Eheversprechen. Es ist keines. Am Ende wird Don Giovanni von der steinernen Statue des ermordeten Komturs in die Hölle gezerrt. Mozart und da Ponte urteilten klar: Wer das Ritual missbraucht, bezahlt einen Preis.

Interessant ist noch etwas anderes: Donna Anna bittet am Ende der Oper ihren Verlobten Don Ottavio, die Hochzeit um ein Jahr aufzuschieben. Sie will trauern. Das Ritual soll warten, bis es von echten Gefühlen getragen werden kann. Auch das ist eine Aussage über Hochzeiten, die ich sehr modern finde: Die Form allein genügt nicht. Was zählt, ist die Bereitschaft, mit dem ganzen Herzen da zu sein.

Figaros Hochzeit – das Versprechen als politischer Akt

Bleiben wir bei Mozart, bleiben wir bei da Ponte. Ein Jahr vor Don Giovanni, 1786, hatten die beiden mit Le nozze di Figaro, auf Deutsch „Figaros Hochzeit“, eines der witzigsten und gleichzeitig klügsten Werke der Operngeschichte auf die Bühne gestellt. Figaro, der Kammerdiener, will seine Suzanna heiraten. Graf Almaviva, sein Herr, hat jedoch Interesse an Suzanna – und besteht auf seinem vermeintlichen Herrenrecht, das ihm die erste Nacht mit jeder Braut aus dem Haus zustehen würde. Die Hochzeit wird zur Schlachtfeld zwischen Standes-Dünkel und menschlicher Würde.

Was Figaro und Suzanna wollen, ist genau das, was jedes Paar will, das zu mir in ein Vorgespräch kommt: eine Hochzeit, die wirklich ihnen gehört. Nicht dem Grafen. Nicht der Konvention. Nicht irgendeiner Erwartung von außen. Das Rituale der freien Trauung, die ich gestalte, trägt genau diesen Gedanken in sich: Die Zeremonie gehört dem Paar. Mozarts Figaro ist eine 250 Jahre alte Argumentation für genau diesen Grundsatz. Am Ende siegen Figaro und Suzanna – durch Witz, durch Zusammenspiel, durch ihre Entschlossenheit, das Versprechen unter sich zu geben und nicht als Gefallen an einen Mächtigeren.

La Traviata – die Hochzeit, die nie sein darf

Giuseppe Verdis La Traviata von 1853 ist eine Liebesgeschichte, die unter dem Zeichen einer unmöglichen Hochzeit steht. Violetta Valéry, eine Kurtisane in Paris, verliebt sich in den jungen Alfredo Germont. Zum ersten Mal empfindet sie echte Liebe – nicht die käufliche, nicht die gesellschaftliche, sondern die, die einem den Boden unter den Füßen wegzieht. Alfredos Vater Giorgio Germont erscheint und bittet Violetta, seinen Sohn freizugeben. Eine Frau mit ihrer Vergangenheit könne Alfredo nicht heiraten – das würde die Familie ruinieren, die Heiratschancen der Schwester zerstören, den Namen beschmutzen.

Violetta gibt nach. Sie täuscht Alfredo, lässt ihn glauben, sie liebe ihn nicht mehr. Und sie stirbt – an Schwindsucht, an gebrochenem Herzen, an der Unmöglichkeit einer Welt, die bestimmten Frauen bestimmte Rituale verweigert. Verdi und sein Librettist Francesco Maria Piave basieren das Werk auf Alexandre Dumas‘ Roman La Dame aux Camélias. Was beide erzählen, ist die Frage: Wem gehört das Ritual der Hochzeit? Wer darf heiraten? Und welche Gesellschaft entscheidet das?

La Traviata ist voll von Momenten, in denen Rituale scheitern oder verweigert werden. Das Trinkduett Libiamo ne’lieti calici im ersten Akt ist ein Freudenfest – aber es ist auch eine Szene voller Täuschung, denn Alfredo trinkt auf eine Frau, die er noch nicht kennt, und Violetta trinkt auf eine Liebe, die sie sich nicht erlauben zu dürfen glaubt. Das Ritual des Anstoßens, das bei jeder Hochzeit vorkommt, ist hier mit Ironie aufgeladen. Es feiert eine Verbindung, die die Gesellschaft verbietet.

Madama Butterfly – die Hochzeit als Katastrophe in Zeitlupe

Giacomo Puccinis Madama Butterfly, uraufgeführt am 17. Februar 1904 an der Scala in Mailand, ist eines der erschütterndsten Werke des gesamten Repertoires. Nicht weil das Ende unerwartet kommt – sondern weil man es kommen sieht und nichts tun kann. Der amerikanische Marineoffizier Pinkerton heiratet die japanische Geisha Cio-Cio-San, genannt Butterfly, nach japanischem Recht. Dieses Recht erlaubt es ihm, die Ehe jederzeit aufzulösen. Der amerikanische Konsul Sharpless warnt ihn: Butterfly meine es ernst. Pinkerton hört nicht hin. Er trinkt vor der Hochzeit auf seinen künftigen Ehebund mit einer echten Amerikanerin.

Für Butterfly ist die Hochzeit der wichtigste Moment ihres Lebens. Sie hat ihren japanischen Glauben aufgegeben und den christlichen Glauben ihres Bräutigams angenommen. Sie hat ihre Familie verlassen, ihren Platz in der Gesellschaft aufgegeben. Sie hat sich mit allem, was sie hat und ist, in dieses Ritual investiert. Als ihr Onkel, der Priester, bei der Hochzeitsfeier erscheint und sie wegen ihres Glaubenswechsels verflucht, verliert sie auch noch ihre Familie. Sie hat nur noch Pinkerton. Und Pinkerton verlässt sie kurz nach der Hochzeit.

Die drei Jahre, die Butterfly dann wartet – und wartet, und wartet –, sind eine Meditation über das, was ein Hochzeitsritual bedeuten kann, wenn nur einer der Beteiligten es ernst meint. Als Pinkerton zurückkommt, kommt er mit seiner amerikanischen Frau, um das gemeinsame Kind abzuholen. Butterfly nimmt Abschied von dem Kind und nimmt sich das Leben. Puccinis Musik beschreibt diesen Moment ohne Sentimentalität – mit einer Klarheit, die einem den Atem verschlägt. Das Ritual der Hochzeit wurde vollzogen. Es wurde von einer Seite als bedeutungslos betrachtet. Den Preis zahlt die andere.

Ich denke oft an Butterfly, wenn ich mit Paaren spreche, die ihre Zeremonie planen. Nicht weil ich dramatische Vergleiche suche – sondern weil die Oper so präzise formuliert, was auch bei echten Hochzeiten das Wichtigste ist: Dass beide gleich viel meinen, was sie sagen. Dass das Ritual von beiden getragen wird. Dass kein Ja gesagt wird, das kein Ja ist.

Tosca – Liebe zwischen Leidenschaft und politischem Terror

Puccinis Tosca von 1900 spielt in Rom, in einer einzigen Nacht des Jahres 1800. Die Opernsängerin Floria Tosca liebt den Maler Cavaradossi. Ihr gegenüber steht der Polizeichef Scarpia, der Tosca begehrt. Scarpia nutzt seine Macht, um Cavaradossi zu verhaften und zu foltern. Der Preis für Cavaradossis Freiheit: Tosca soll sich Scarpia hingeben. Tosca tötet Scarpia. Cavaradossi wird dennoch hingerichtet. Tosca springt von der Engelsburg in den Tod.

In Tosca gibt es keine Hochzeit und kein explizites Hochzeitsritual – aber die Oper ist ein Lehrstück darüber, was Liebe unter extremem Druck bedeutet. Tosca und Cavaradossi lieben sich leidenschaftlich, eifersüchtig, vollständig. Ihre Liebe ist nicht die romantisch-domestizierte Liebe der Hochzeitsplanung – sie ist die Liebe, die bereit ist, alles zu riskieren. Für die Oper ist das dramatischer Stoff. Für echte Hochzeiten ist es eine Frage, die sich weniger dramatisch, aber nicht weniger ernsthaft stellt: Welche Art von Liebe verbindet euch? Was seid ihr bereit, füreinander zu riskieren?

Der Rosenkavalier – Rituale des Übergangs und der Würde

Richard Strauss und Hugo von Hofmannsthal haben 1911 mit Der Rosenkavalier eine der nachdenklichsten Opern über Liebe, Hochzeit und die Vergänglichkeit alles Schönen geschrieben. Die Fürstin Marschallin, eine Frau um die Mitte dreißig, liebt den siebzehn Jahre jüngeren Octavian. Sie weiß, dass er sie verlassen wird – für eine Jüngere, für eine Frau, die er heiraten kann. Und sie hat die Größe, diesen Verlust anzunehmen, bevor er geschieht.

Das zentrale Ritual der Oper ist die Rosenüberreichung: In der Wiener Adelsgesellschaft des frühen 18. Jahrhunderts war es Sitte, dass der Verlobte seiner Braut eine silberne Rose überreichen ließ – durch einen Brautwerber, den sogenannten Rosenkavalier. Octavian übernimmt diese Rolle für den Baron Ochs, der die junge Sophie heiraten soll. In dem Moment, in dem Octavian Sophie die Rose überreicht, verlieben sich die beiden ineinander. Das Hochzeitsritual – gedacht als Verbindung zweier anderer – wird zum Anfang einer neuen Liebe.

Hofmannsthal und Strauss erzählen damit etwas sehr Wahres: Rituale sind lebendig. Sie passieren Menschen, nicht nur Konzepten. Die silberne Rose soll eine Ehe einleiten, die niemand wirklich will – Sophies Hochzeit mit dem selbstgefälligen Baron Ochs ist eine Versorgungs-Ehe, kein freier Bund. Das Ritual vollzieht sich, aber es vollzieht sich falsch herum: Es verbindet nicht das vorgesehene Paar, sondern deckt auf, wer wirklich zueinander gehört. Am Ende zieht sich die Marschallin mit stiller Würde zurück. Octavian und Sophie bleiben. Der Schmerz und die Schönheit des Übergangs – zwischen altem Leben und neuem Versprechen – sind das Herz dieser Oper. Und das Herz jeder Hochzeit.

Jenůfa – die Hochzeit unter dem Eis

Jetzt müssen wir nach Mähren. In ein Dorf am Ende des 19. Jahrhunderts. In eine Welt, in der soziale Kontrolle, Scham und Moral stärker sind als Menschlichkeit. Leoš Janáčeks Jenůfa – ursprünglich auf Tschechisch Její pastorkyňa, „Ihre Stieftochter“ – wurde 1904 in Brünn uraufgeführt und gilt als eine der erschütterndsten Opern des 20. Jahrhunderts. Und sie dreht sich, wie kaum eine andere Oper, um die Hochzeit als Kulminationspunkt aller sozialen Spannungen.

Die Handlung: Jenůfa ist schwanger von Števa, dem leichtsinnigen, trinkenden Dorfschönling. Ihre Pflegemutter, die Küsterin – eine fromme, angesehene Frau –, verbietet die Hochzeit, bis Števa ein Jahr lang nüchtern geblieben ist. Als Jenůfa heimlich ihr Kind zur Welt bringt, wird sie von der Küsterin versteckt. Števa will Jenůfa nicht mehr heiraten – ihr Gesicht ist entstellt worden, als Laca, der andere Halbbruder, sie in einem eifersüchtigen Anfall mit dem Messer verletzt hatte. Die Küsterin sieht nur einen Ausweg: Sie ertränkt das Kind im vereisten Fluss und redet Jenůfa ein, es sei gestorben, während Jenůfa im Fieber lag. Laca, der Jenůfa wirklich liebt, will sie trotzdem heiraten.

Zwei Monate später wird Hochzeit gefeiert. Jenůfa und Laca stehen vor dem Altar – in aller Bescheidenheit, wie die Gäste sich verwundert anmerken. Und dann taut das Eis. Im Fluss wird die Leiche des Kindes gefunden. Die Hochzeitsgesellschaft glaubt zunächst, Jenůfa habe ihr Kind getötet. Die Menge will sie lynchen. Da gesteht die Küsterin. Die Hochzeitsfeier wird zum Tribunal.

Was Janáček in dieser Oper zeigt, ist das Hochzeitsritual als seismografische Stunde der Wahrheit: Alles, was verborgen war, kommt ans Licht – genau dann, wenn der feierlichste Moment angebrochen ist. Die Hochzeit deckt auf. Sie kann nicht vollzogen werden, solange Lügen unter dem Eis liegen. Und doch: Am Ende vergibt Jenůfa ihrer Stiefmutter. Sie versteht, dass die Küsterin aus Liebe gehandelt hat – aus einer verzerrten, gesellschaftlich vergifteten, aber echten Liebe. Und sie nimmt Laca mit in ein neues Leben. Janáčeks Humanismus liegt genau hier: Selbst in der größten Katastrophe, selbst wenn die Hochzeit unter dem Schock eines Verbrechens steht, kann ein echtes Versprechen noch wachsen.

Als Traurednerin bewegt mich diese Oper tief. Nicht weil ich ihre Tragödie heraufbeschwören möchte – sondern weil Janáček so unbestechlich ehrlich ist über das, was Hochzeiten brauchen: die Bereitschaft, mit dem wirklichen Leben zu stehen, nicht mit dem idealisierten. Laca heiratet Jenůfa nicht trotz allem, was geschehen ist. Er heiratet sie damit. Mit der Geschichte, mit den Wunden, mit dem Schmerz.

Die Hochzeit als Rituale des Übergangs – was die Oper wirklich erzählt

Wenn ich all diese Opern nebeneinanderlege, fällt mir auf: Die Oper behandelt die Hochzeit fast nie als Schmuckstück. Fast nie als glücklichen Abschluss einer unkomplizierten Geschichte. Stattdessen ist die Hochzeit in der Oper fast immer das, was Ethnologen einen Rituale des Übergangs nennen – einen rite de passage, wie der Ethnologe Arnold van Gennep diesen Begriff 1909 geprägt hat. Der Übergang von einem Lebenszustand in einen anderen. Und Übergänge sind, per Definition, unsicher. Sie markieren den Moment, in dem das Alte aufgehört hat und das Neue noch nicht begonnen hat. Die Oper stellt sich genau in diesen Moment und fragt: Was liegt darunter? Was kommt ans Licht?

Don Giovanni zeigt, dass das Hochzeitsritual schutzlos ist, wenn ein Beteiligter es nicht ernst nimmt. Figaros Hochzeit zeigt, dass das Ritual erkämpft werden muss – gegen gesellschaftliche Macht, gegen Standesdünkel, gegen das Recht des Stärkeren. La Traviata zeigt, dass das Ritual verweigert werden kann – und dass diese Verweigerung tötet. Madama Butterfly zeigt, dass ein Ritual nur dann wirklich verbindet, wenn beide Seiten dasselbe meinen. Der Rosenkavalier zeigt, dass Rituale lebendig sind und unerwartete Wirkungen entfalten können. Und Jenůfa zeigt, dass kein Ritual vollzogen werden kann, solange die Wahrheit darunter vergraben liegt.

Das ist eine erstaunliche Bilanz. Und sie ist, wenn ich ehrlich bin, keine schlechte Vorbereitung auf eine echte Hochzeit.

Rituale brauchen echte Worte – und echte Menschen

Die Oper hat etwas, das jede Hochzeit braucht: große Worte. Große Melodien. Momente, die einem stocken lassen. Und sie zeigt uns, dass Hochzeitsrituale keine leeren Formalitäten sind – sie sind die verdichteten Momente, in denen alles, was zwischen zwei Menschen liegt, auf einmal sichtbar wird.

Als Traurednerin in Berlin, Potsdam und Brandenburg bin ich diejenige, die diese Worte findet. Nicht die Worte aus einem Libretto – sondern die Worte, die zu euch passen. Die Worte, in denen ihr euch wiedererkennt. Die Worte, die beschreiben, warum ausgerechnet ihr, warum genau jetzt, warum genau dieser Mensch an eurer Seite steht. Die freie Trauung ist für mich das Gegenteil von Butterfly – denn dort sagen zwei Menschen Ja, die beide genau wissen, was dieses Ja bedeutet.

Ich habe Bücher übersetzt, bevor ich angefangen habe, Reden zu schreiben. Aus dem Italienischen und Französischen, Literatur vor allem. Und was mir dabei begegnet ist, ist dasselbe, was die Oper seit Jahrhunderten zeigt: Es sind die Worte, die entscheiden. Nicht die Kostüme, nicht die Bühne, nicht das Orchester. Was bleibt, sind die Worte. Worte, die stimmen. Worte, die bleiben.

Jenůfa und Laca heiraten am Ende nicht trotz der Tragödie – sie heiraten, weil sie bereit sind, mit den Augen offen zu beginnen. Das ist, wenn man so will, das modernste Hochzeitsideal, das die Operngeschichte kennt. Kein falsches Versprechen wie bei Don Giovanni. Keine gesellschaftliche Erzwingung wie bei Effi Briest. Keine einseitige Ernsthaftigkeit wie bei Butterfly. Sondern zwei Menschen, die einander anschauen und sagen: Ich kenne dich. Ich sehe, was war. Und ich sage trotzdem – oder gerade deshalb – Ja.

Das ist das Versprechen, das ich erlebe, wenn ich als Traurednerin auf der Bühne stehe. Nicht im Opernhaus. Auf einer Wiese in Brandenburg, auf einer Dachterrasse in Berlin-Mitte, in einer Scheune in der Uckermark. Das Licht ist ein anderes. Aber das Ritual ist dasselbe. Und es ist nie kleiner als bei Verdi oder Mozart. Es ist nur ehrlicher.

Noch ein letzter Gedanke: Was die Oper uns schenkt

Die Oper übertreibt. Das ist ihr Handwerk und ihre Berufung. Kein echter Mensch singt, wenn er stirbt. Kein echter Mensch besingt seine Eifersucht in einem Arie, bevor er handelt. Die Oper dehnt Gefühle auf Orchestergröße aus – und das ist kein Fehler, sondern ihr Geschenk an uns. Sie macht sichtbar, was wir im Alltag übersehen oder nicht auszudrücken wagen.

Wenn Violetta Valéry in La Traviata stirbt, weil die Gesellschaft ihr die Hochzeit verweigert hat, dann ist das keine Übertreibung. Das ist eine Vergößerung der Wahrheit. Jede Liebe, die an gesellschaftlichen Konventionen scheitert, trägt etwas von diesem Schmerz in sich. Wenn Butterfly allein wartet und wartet, dann trägt das jede Liebe in sich, in der das Versprechen nicht von beiden gleich ernst genommen wurde. Und wenn Jenůfa und Laca am Ende zusammengehen – mit allem, was hinter ihnen liegt –, dann steckt da der Kern dessen drin, was ich bei jeder freien Trauung erlebe: dass echte Bindung nicht trotz der Geschichte entsteht, sondern mit ihr.

Die Oper zeigt uns, welche Kraft im Ritual der Hochzeit liegt – und welche Verantwortung. Sie zeigt, dass Hochzeitsrituale Wahrheit brauchen, um zu tragen. Und sie zeigt, dass Liebe, die sich in diesem Ritual ausdrückt, größer ist als das Drama darum herum.

Plant ihr eure Hochzeit in Berlin, Potsdam oder Brandenburg und sucht eine Traurednerin, die eure Geschichte kennt – nicht irgendeine? Dann schreibt mir. Ich höre zu. Ich frage nach. Und dann finde ich die Worte, die zu euch passen. Versprochen.


Antje Peter · Freie Traurednerin in Berlin · antje-peter.de

Weiterführende Lektüre auf diesem Blog: Liebe in der Weltliteratur – gibt es da jemals ein Happy End mit Hochzeit? · Amore und Drama: Hochzeit und Liebesrituale in Italien · Was ist Liebe? Philosophisch betrachtet

Externe Quellen: Don Giovanni – Wikipedia · Jenůfa – Wikipedia · Madama Butterfly – Wikipedia · La Traviata – Wikipedia · Der Rosenkavalier – Wikipedia · Jenůfa – Staatsoper Berlin · Jenůfa – leosjanacek.eu · Don Giovanni – Operavision · Madama Butterfly – Bayerische Staatsoper