Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin
Foto: © Ulrike von Loeoper
Es gibt einen Moment, den ich bei jeder Trauerfeier kenne. Die Menschen sitzen. Die Musik ist verklungen. Und dann wird es still – eine Stille, die so viel schwerer ist als gewöhnliche Stille. Es ist die Stille kurz vor der Trauerrede. Und in dieser Stille liegt die eigentliche Frage: Was sollen diese Worte jetzt leisten?
Ich bin oft gefragt worden, wie eine Trauerrede entsteht. Ob ich eine Vorlage habe. Ob es ein Schema gibt. Die ehrliche Antwort lautet: Nein. Und das ist keine Koketterie. Es ist das Herzstück dessen, was ich tue.
Was eine Trauerrede leisten muss – und was nicht
Fangen wir mit dem an, was eine Trauerrede nicht leisten muss. Sie muss den Schmerz nicht wegnehmen. Das kann sie gar nicht, und der Versuch, es zu versuchen, erzeugt meistens Kitsch. Sie muss den Anwesenden keine Antworten auf die Frage geben, warum dieser Mensch jetzt weg ist. Auch das weiß niemand. Und sie muss nicht ununterbrochen traurig sein.
Was sie leisten muss, ist etwas anderes. Sie muss dem Menschen gerecht werden, um den es geht. Nicht dem Ideal eines Menschen, nicht einer weichgezeichneten Hochglanzversion – sondern dem echten, lebendigen, widersprüchlichen Menschen, der da war. Mit seinen Eigenheiten. Mit dem, was er geliebt hat und womit er anderen auf die Nerven gegangen ist. Mit dem, was er hinterlässt und womit er fehlt.
Wie das Bestattungsunternehmen Himmelblau treffend formuliert: Eine Trauerrede entfaltet ihre Kraft in dem Maß, als sie „maßgeschneidert“ ist – also ganz abgestimmt auf die Individualität des Verstorbenen, auf die Erwartungen und Wünsche der Angehörigen. Das klingt nach Beratungssprache. Aber es trifft etwas Grundlegendes: Eine Rede, die für jeden gehalten werden könnte, tröstet niemanden wirklich.
Eine Trauerrede muss außerdem den Trauernden einen Moment geben, in dem sie innehalten dürfen. In dem sie weinen oder lächeln oder beides auf einmal. In dem sie spüren: Ja, so war er. So war sie. Ich bin nicht der Einzige, dem er fehlt. Dieses kollektive Erkennen – dieser kurze gemeinsame Moment des Erinnerns – ist das Eigentliche, was eine gute Trauerrede erzeugt. Nicht ein fertiges Bild. Sondern ein geteiltes.
Das Gespräch: Wo alles beginnt
Bevor ich eine einzige Zeile schreibe, führe ich ein Gespräch. Ein langes, in aller Regel. Manchmal auch mehrere. Ich treffe die Angehörigen, meist zu Hause, manchmal in einem Café, gelegentlich per Video – je nachdem, was gerade möglich ist und was sich für die Familie richtig anfühlt.
In diesem Gespräch höre ich zu. Ich stelle Fragen. Nicht Fragen nach Lebensdaten und Berufsbezeichnungen – die kommen auch, aber das ist nicht der Kern. Ich frage nach den Dingen, die zwischen den Zeilen stehen. Wie hat sie morgens Kaffee getrunken? Was hat er immer gesagt, wenn etwas schiefging? Was hat sie wirklich glücklich gemacht? Welcher Moment kommt euch sofort in den Sinn, wenn ihr an ihn denkt?
Diese Fragen öffnen etwas. Immer. Manchmal entsteht in diesen Gesprächen eine Atmosphäre, die ich selbst als Geschenk empfinde: die Familie fängt an, sich zu erinnern. Nicht pflichtbewusst, nicht für mich – sondern weil die Erinnerung plötzlich lebendig wird. Manchmal lachen wir. Manchmal weinen wir. Manchmal beides gleichzeitig. Und genau das ist das Material, aus dem eine Trauerrede wird.
Wer wissen möchte, was professionelle Trauerredner in solchen Gesprächen suchen, findet bei Melanie Peters eine schöne Beschreibung: Das Gespräch kann bis zu zwei Stunden dauern – Zeit, die sie braucht, um sich ein Bild davon zu machen, wer der Mensch war. Die Lebensstationen des Verstorbenen seien dabei das eine. Der Charakter, die Leidenschaften, der Humor des Menschen das andere. Genau so erlebe ich das auch.
Struktur ist nicht Schema
Eine Trauerrede hat eine Struktur. Das ist keine Einschränkung, sondern eine Notwendigkeit. Menschen in Trauer sind oft erschöpft, manchmal wie betäubt. Sie können einer Rede besser folgen, wenn sie eine erkennbare Form hat. Wenn sie ahnen, wo die Reise hingeht.
Eine bewährte Grundstruktur sieht so aus: Der Einstieg holt die Anwesenden dort ab, wo sie gerade sind – im Raum, im Moment, im Schmerz. Dann kommt der Mittelteil, der den Menschen ins Bild setzt: wer er war, was ihn ausgemacht hat, was er geliebt hat, was er hinterlässt. Und der Schluss gibt dem Abschied einen würdevollen Rahmen – nicht als Ende, sondern als Übergang.
Aber diese Struktur ist kein Schema F. Der Einstieg kann ein Bild sein, ein Satz, den der Verstorbene immer gesagt hat, eine kurze Geschichte. Der Mittelteil kann chronologisch sein oder thematisch – je nachdem, was zu diesem Menschen passt. Das Bestatterweblog beschreibt es treffend: Persönliche Erinnerungen, Geschichten oder Eigenschaften des Verstorbenen stellen eine menschliche Verbindung her. Und auf diese Verbindung kommt es an.
Es gibt keine Trauerrede, die ich zweimal geschrieben habe. Nicht weil ich so viele Ideen hätte – sondern weil jeder Mensch, um den getrauert wird, ein Unikat ist. Und jede Trauerfeier ist es auch.
Die Bestattungsfeier und Lebensfeier: Was ist der Unterschied?
Der Begriff „Bestattungsfeier“ klingt nüchtern. Er beschreibt den organisatorischen Akt: die Beisetzung, die Kapelle, den Friedhof. Der Begriff „Lebensfeier“ klingt nach etwas anderem – nach Absicht, nach Haltung. Und diese Haltung verändert tatsächlich etwas. Nicht im äußeren Ablauf unbedingt, aber in der inneren Ausrichtung.
Eine Lebensfeier fragt nicht zuerst: Wie verwalten wir diesen Tod? Sie fragt: Wie feiern wir dieses Leben? Das ist ein kleiner Unterschied in der Formulierung und ein großer Unterschied in der Wirkung. Eine Trauerrede, die aus dieser Haltung entsteht, klingt anders. Sie spricht von dem, was war – nicht nur von dem, was verloren ist. Sie macht das Vergangene gegenwärtig, statt es endgültig zu beerdigen.
Das bedeutet nicht, dass der Schmerz kleingeredet wird. Im Gegenteil. Der Schmerz darf sein. Er soll sein. Aber er ist nicht das einzige, was an diesem Tag Platz hat. Manchmal darf man bei einer Trauerfeier auch lächeln. Manchmal ist es das Lachen über eine bestimmte Anekdote, das den Raum öffnet und den Trauernden für einen Moment Luft lässt. Das ist kein Verrat an der Trauer. Das ist Trauer, die atmet.
Für mich persönlich ist die Unterscheidung zwischen Bestattungsfeier und Lebensfeier deshalb keine terminologische Spitzfindigkeit. Sie beschreibt zwei Grundhaltungen: eine, die auf das Ende schaut, und eine, die auf das Leben schaut. Ich gehöre klar zur zweiten Gruppe.
Abschiedsrituale: Warum sie unverzichtbar sind
Neben der Rede selbst gibt es etwas, das ich bei jeder Trauerfeier mitdenke: die Abschiedsrituale. Musik. Das Anzünden einer Kerze. Das gemeinsame Schweigen für einen Moment. Das Niederlegen einer Rose. Manchmal das Aufschreiben einer Erinnerung auf einem kleinen Zettel, der mit in die Erde oder ins Feuer gegeben wird.
Warum sind Abschiedsrituale so wichtig? Weil der Körper trauert, nicht nur der Kopf. Weil Trauer etwas braucht, das sie festhalten kann. Eine Handlung, die sagt: Ich bin hier. Ich nehme Abschied. Ich lasse los – ein bisschen, so weit es heute geht. Rituale geben dem Unsagbaren eine Form. Und sie binden die Anwesenden ein, statt sie zu passiven Zuhörern zu machen.
Wie das Bestatterweblog feststellt: Eine säkulare Trauerrede kann je nach Wunsch sehr unterschiedlich gestaltet werden. Und das gilt erst recht für die Rituale, die sie begleiten. Es gibt keine Pflicht, Kerzen anzuzünden oder Rosen zu legen. Es gibt aber eine Einladung, darüber nachzudenken, was zu diesem Menschen passt und was den Anwesenden helfen könnte, wirklich Abschied zu nehmen.
Ich erlebe immer wieder, wie sehr selbst kleine Rituale etwas verändern können. Ein Vater, der seinen Sohn geliebt und kaum je etwas gesagt hat, der aber immer mit ihm zusammen Musik gehört hat – und der sich wünschte, dass bei der Feier genau dieses eine Lied gespielt wird. Eine Frau, die Blumen geliebt hat, deren Familie sie bat, je eine einzelne Blume mitzubringen, die am Ende zu einem Strauß zusammengelegt wurden. Das sind keine großen Gesten. Aber sie berühren. Weil sie echt sind. Weil sie diesen Menschen meinen und keinen anderen.
Die Sprache: Das eine Wort, das den Unterschied macht
Ich komme aus der Literatur. Ich habe Bücher übersetzt, Texte lektoriert, Jahre damit verbracht, nach dem richtigen Wort zu suchen. Mark Twain hat das einmal so formuliert: Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem fast richtigen ist der Unterschied zwischen Blitz und Glühwürmchen. Ich suche den Blitz.
Beim Schreiben einer Trauerrede merkt man sehr schnell, welche Sätze sitzen und welche nicht. Klischees setzen sich ab. Phrasen setzen sich ab. Alles, was man schon tausend Mal gehört hat, setzt sich ab. „Er hat uns zu früh verlassen.“ „Sie ist jetzt an einem besseren Ort.“ „Wir werden ihn nie vergessen.“ Diese Sätze sind nicht falsch. Aber sie treffen niemanden. Weil sie nichts Spezifisches sagen. Weil sie für jeden gelten könnten.
Was sitzt, ist das Konkrete. Das Unerwartete. Der Satz, den niemand erwartet hat, der aber sofort als wahr erkannt wird. Das Bild, das den Menschen aufscheinen lässt, der da war. Ich schreibe immer wieder um. Ich lese laut vor. Ich achte darauf, dass die Rede sich in der Mündlichkeit trägt – denn sie wird gesprochen, nicht gelesen. Das ist ein Unterschied, der alles ausmacht.
In der Kunst der Rede gilt: Was gesagt wird, hängt wesentlich davon ab, wie es gesagt wird. Selbst die lichtvollste Erinnerung bleibt wirkungslos, wenn sie nicht stilsicher und lebendig vorgetragen wird. Dem kann ich nur zustimmen. Eine Trauerrede ist kein Text. Sie ist eine Stimme, ein Körper, ein Raum. Der Text ist der Ausgangspunkt – aber die Rede ist das, was im Raum ankommt.
Wer hält die Rede? – Eine ehrliche Antwort
Nicht jeder muss eine professionelle Trauerrednerin engagieren. Das sage ich bewusst. Wenn jemand in der Familie ist, der wirklich reden kann – der den Verstorbenen kannte, der die Fassung halten wird und der sich diese Aufgabe zutraut –, dann kann das wunderschön sein. Zutiefst persönlich. Zutiefst berührend.
Aber es gibt ein paar Dinge, die ich in meiner Arbeit immer wieder erlebe. Erstens: Familienmitglieder sind selbst zutiefst in Trauer. Die Fassung zu halten, ist an so einem Tag ungemein schwer – nicht weil es jemanden schlechter macht, sondern weil Trauer keine Schwäche ist, sondern eine Realität. Zweitens: Wer den Verstorbenen sehr gut kannte, sieht manchmal nicht mehr, was Außenstehende sehen. Der Blick von innen und der Blick von außen ergänzen sich.
Ich sage meinen Klienten immer: Das Erstgespräch ist unverbindlich. Es kostet nichts außer Zeit. Und am Ende dieses Gesprächs wissen beide Seiten, ob die Chemie stimmt. Denn das ist das Wichtigste: Die Angehörigen müssen sich wohlfühlen, wenn sie mir die Geschichte eines Menschen anvertrauen. Dieser Mensch hat das verdient. Und sie auch.
Was von der Trauerrede bleibt
Ich gebe den Angehörigen nach jeder Trauerfeier eine schriftliche Fassung der Rede. Das hat einen praktischen Grund – man kann sie später noch einmal lesen. Aber es hat auch einen anderen Grund. Die Rede ist eine Geste der Würde. Sie ist das Letzte, was öffentlich über diesen Menschen gesagt wird. Sie verdient es, aufbewahrt zu werden.
Viele Menschen schreiben mir Monate nach einer Trauerfeier. Sie sagen, dass sie die Rede herausgeholt und noch einmal gelesen haben. An einem schweren Tag. An dem Tag, an dem der Verstorbene Geburtstag gehabt hätte. An Weihnachten. Diese Momente berühren mich jedes Mal. Weil sie zeigen, dass eine gut gemachte Trauerrede nicht nur für den Tag der Bestattungsfeier geschrieben ist. Sie trägt weiter.
Was eine Trauerrede leisten muss – das habe ich am Anfang gefragt. Ich fasse es zusammen: Sie muss diesen Menschen sehen. Sie muss die Anwesenden in ihrem Schmerz abholen, ohne sie darin einzusperren. Sie muss Raum öffnen für Erinnerung, für Trauer, für Lächeln, für Stille. Sie muss echt sein, konkret, unverwechselbar. Und sie muss dem Abschied die Würde geben, die er verdient.
Das ist viel. Aber es ist machbar. Wenn man gut zuhört. Wenn man nach dem Blitz sucht.
Wie eine Trauerrede im Kontext der Trauerfeier wirkt
Eine Trauerrede steht selten allein. Sie ist eingebettet in eine Trauerfeier – die an sehr verschiedenen Orten stattfinden kann: in einer Friedhofskapelle, in einer Trauerhalle, in einem Krematorium, im Wald, am Wasser. Manchmal auch in einem privaten Garten, wenn das der ausdrückliche Wunsch des Verstorbenen war. Der Ort verändert die Stimmung. Und die Stimmung verändert, was die Rede leisten muss.
Im Wald braucht es andere Bilder als in einer nüchternen Kapelle. Am Wasser hört man die Natur mit. In einem privaten Garten ist die Atmosphäre enger, intimer – die Rede darf persönlicher sein, näher, vielleicht auch direkter. Ich besuche nach Möglichkeit den Ort im Vorfeld oder bitte zumindest um Fotos und Beschreibungen. Denn eine Rede, die zum Raum passt, wirkt anders als eine Rede, die in jedem Raum gleich klingt.
Abschiedsrituale einzubinden ist dabei eine der wirkungsvollsten Möglichkeiten, den Raum und die Gemeinschaft zu aktivieren. Ein professioneller Trauerredner führt nach Möglichkeit nicht nur die Rede, sondern durch die gesamte Zeremonie. Das gilt auch für mich. Ich plane gemeinsam mit den Angehörigen, an welcher Stelle Musik gespielt wird, wann eine Stille eingehalten werden soll, ob es eine Geste gibt, die alle Anwesenden gemeinsam vollziehen. Dieses Zusammenspiel aus Worten, Ritualen und Stille ist das, was eine Trauerfeier trägt.
Wenn jemand fragt: Wie beauftragt man eine Trauerrednerin?
Das geht einfacher, als viele denken. Und es ist kein Zeichen von Kälte oder Distanz, eine professionelle Rednerin zu beauftragen – im Gegenteil. Es ist ein Zeichen dafür, dass man dem Abschied Sorgfalt widmet.
Der erste Schritt ist ein Gespräch. Unverbindlich, kostenlos, in aller Ruhe. Wir finden heraus, ob wir zusammenpassen. Ich höre zu und erkläre, wie ich arbeite. Dann entscheiden Sie – die Angehörigen –, ob Sie mir diese Aufgabe anvertrauen möchten. Wenn ja, folgt das eigentliche Trauergespräch, in dem ich alles erfahre, was ich brauche. Und dann entsteht, aus dem, was ich höre, eine Rede. Eine einzige, unverwechselbare, für diesen Menschen und keine andere.
Wenn Sie in Berlin, Potsdam oder Brandenburg eine Trauerrednerin suchen, sprechen Sie mich gern an. Über das Kontaktformular auf dieser Website oder direkt per Telefon. Manchmal ist es das einfachste Gespräch, das alles in Bewegung bringt.
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