Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin
Foto: (c) Antje Peter

Es ist Herbst, irgendwo in einem Wald in Brandenburg. Kein Grabstein, keine Trauerhalle, kein Geruch von Weihrauch. Stattdessen: Bäume, Wind, das Knistern von Laub unter den Füßen. Eine Gruppe Menschen steht im Halbkreis um eine alte Eiche. Eine Urne wird in die Erde gelassen, direkt an den Wurzeln des Baumes. Jemand liest einen Text vor. Jemand anderes streut Blüten. Die Kinder haben Steine bemalt und legen sie ans Wurzelwerk. Und dann – Stille. Eine Stille, die nach etwas klingt.

Das ist keine Szene aus einem Roman. Das ist eine Trauerfeier, wie ich sie in den letzten Jahren immer häufiger begleite. Und sie steht für etwas Größeres: für eine tiefgreifende Veränderung in dem, was wir unter Abschiednehmen verstehen – und was wir von einer Bestattung erwarten.

Die Bestattungskultur befindet sich in Deutschland in einem der bemerkenswertesten Wandlungsprozesse ihrer Geschichte. Neben den klassischen Formen – Erdbestattung, Feuerbestattung, kirchliche Trauerfeier – sind in den letzten Jahrzehnten Alternativen entstanden, die noch vor einer Generation kaum vorstellbar gewesen wären. Drei davon möchte ich heute genauer vorstellen: das Green Burial, die Seebestattung und die Weltraumbestattung. Drei Formen, die unterschiedlicher nicht sein könnten – und die doch alle aus demselben Bedürfnis entstehen: dem Wunsch, den Abschied so zu gestalten, wie der Mensch war, der gegangen ist.

Warum sich überhaupt etwas verändert

Bevor wir in die einzelnen Bestattungsformen einsteigen, lohnt ein kurzer Blick auf die Frage: Warum jetzt? Warum verändern sich Bestattungsrituale und Abschiedskultur gerade in diesem Ausmaß?

Die Antwort liegt, glaube ich, in zwei parallelen Strömungen, die sich gegenseitig verstärken. Zum einen ist da der gesellschaftliche Rückzug aus den Kirchen: Seit 2020 finden weniger als die Hälfte aller Beerdigungen in Deutschland kirchlich statt – ein historischer Einschnitt. Mit dem Wegfall des kirchlichen Rahmens entfällt auch ein festes Repertoire an Ritualen, Texten und Zeremonien. Das schafft Freiheit – und gleichzeitig die Notwendigkeit, neu zu denken.

Zum anderen ist da ein wachsendes Nachhaltigkeitsbewusstsein, das nicht vor dem Tod haltmacht. Menschen, die ihr Leben lang ökologisch dachten, fragen sich heute: Wie soll meine Bestattung aussehen, damit sie zu dem passt, wofür ich stehe? Diese Frage treibt die Nachfrage nach Green Burial und Naturbestattungen enorm an. Im Jahr 2023 nahmen naturnahe Bestattungen in Deutschland um 19 Prozent gegenüber dem Vorjahr zu.

Hinter beiden Strömungen steckt am Ende dieselbe Sehnsucht: Trauer soll ehrlich sein. Rituale sollen sich wahr anfühlen. Und der Abschied soll zu dem Menschen passen, der gegangen ist – nicht zu einer Institution, die ihn kaum kannte.

Green Burial: Der Wunsch, zur Erde zurückzukehren

Der Begriff „Green Burial“ kommt aus dem Englischen und meint im weitesten Sinne eine Bestattung mit möglichst geringem ökologischem Fußabdruck. In Ländern wie den USA oder Großbritannien sind Green Burials schon lange ein anerkanntes Konzept, während sie in Deutschland erst langsam Fuß fassen.

Was macht eine Bestattung „grün“? Mehrere Faktoren spielen zusammen. Erstens die Materialien: kein lackierter Metallsarg, keine synthetischen Stoffe, stattdessen Särge aus unbehandeltem Holz, Korbgeflecht oder gepresster Pappe, Urnen aus biologisch abbaubaren Materialien wie Salz, Ton oder Pilzmycel. Zweitens der Verzicht auf Chemikalien: keine Einbalsamierung, keine chemischen Konservierungsmittel. Drittens der Ort: ein naturbelassener Begräbnisplatz, auf dem keine Pestizide eingesetzt werden, auf dem kein Rasenmäher surrt und kein importierter Granitstein aufgestellt wird.

In Deutschland schränkt der sogenannte Friedhofszwang die Möglichkeiten ein: Die meisten Naturbestattungsformen, die über Baum- und Seebestattungen hinausgehen, sind in Deutschland aufgrund der gesetzlichen Friedhofspflicht nicht erlaubt und müssen im Ausland durchgeführt werden. In der Schweiz, den Niederlanden und Großbritannien ist die Rechtslage deutlich liberaler. Wer jedoch in Deutschland bleibt, findet mit den Bestattungswäldern wie FriedWald oder RuheForst eine etablierte und schöne Alternative.

Die Waldbestattung ist, genau genommen, die deutschlandweit bekannteste Form des Green Burial. Die eingeäscherte Asche wird in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt, der dann zum persönlichen Gedenkort wird. Kein Grabstein, kein gepflegtes Beet – stattdessen ein lebendiges Wesen, das wächst, das atmet, das sich verändert. Die Waldbestattung ist die bekannteste und am häufigsten gewählte Form der Naturbestattung in Deutschland, und allein die Waldbestattungsfläche umfasst laut Destatis rund 2.500 Hektar.

Was mich an dieser Bestattungsform besonders berührt: die symbolische Kraft. Der Mensch, der gegangen ist, wird buchstäblich Teil eines Baumes. Teil von etwas, das bleibt. Das Gedenken verlagert sich vom Stein zum Leben – ein Gedanke, der viele Menschen zutiefst tröstet.

Die Trauerfeier im Wald: Rituale, die den Raum nutzen

Für mich als freie Trauerrednerin ist die Waldbestattung auch eine Einladung, Rituale neu zu denken. Der Wald hat eine eigene Akustik, eine eigene Energie. Er lässt keine großen Lautsprecher zu, keine Kirchenorgel, kein aufwendiges Bühnenbild. Dafür bietet er etwas, das kein Trauersaal der Welt bieten kann: das Gefühl, mitten im Leben zu stehen, während man Abschied nimmt.

Bei Waldbestattungen ist es üblich, dass sich die Trauergemeinde direkt am Baumgrab versammelt und die Trauerfeier in der Natur stattfindet – mit Trauerredner oder Pfarrer, mit Musik und persönlichen Ritualen nach Wahl. Ich habe schon Trauerfeiern im Wald gestaltet, bei denen jede anwesende Person einen Stein mitgebracht hatte, den sie zuvor zu Hause beschriftet hatte – mit einem Wort, das sie dem Verstorbenen mitgeben wollte. Die Steine wurden ans Wurzelwerk gelegt. Es war eines der stillen, kraftvollen Rituale, die ich kenne.

Andere Möglichkeiten: das gemeinsame Pflanzen einer Blumenzwiebel, das Falten kleiner Papiervögel, das Vorlesen eines selbst geschriebenen Textes. Oder einfach: das Stehen unter den Bäumen, das Hören auf den Wind, das Erlauben von Stille. Nicht alle Rituale müssen komplex sein. Manchmal reicht es, gemeinsam da zu sein.

Seebestattung: Das Meer als letzter Ort

Das Meer hat in der menschlichen Imagination seit jeher einen besonderen Platz. Es ist Sinnbild für das Unfassbare, für das, was größer ist als wir. Für Menschen, die ihr Leben lang das Wasser geliebt haben, ist die Vorstellung, auf See zu ruhen, naheliegend – und zutiefst stimmig.

Bei der Seebestattung wird die eingeäscherte Asche des Verstorbenen in einer speziellen wasserlöslichen Urne dem Meer übergeben. In Deutschland ist diese Form in der Nord- und Ostsee erlaubt, auf Wunsch auch im Atlantik oder Mittelmeer. Die Urne muss sich innerhalb weniger Stunden vollständig im Wasser auflösen – aus ökologischen Gründen, aber auch, weil das Material dem Gedanken der Rückkehr in den Kreislauf der Natur entspricht.

Was die Seebestattung von fast allen anderen Bestattungsformen unterscheidet: Es gibt keinen festen Ort des Gedenkens. Kein Grab, das besucht werden kann, kein Baum, an den man sich lehnen kann. Das Meer ist überall – und nirgends. Für manche Menschen ist genau das der Wunsch: kein fixer Punkt, keine Verpflichtung zur Grabpflege, eine Art von Freiheit, die über den Tod hinausgeht. Für andere ist genau das die Herausforderung: Wo trauert man, wenn es keinen Ort gibt?

Als Trauerrednerin höre ich diese Frage immer wieder. Und ich glaube, die Antwort liegt nicht im Ort, sondern in den Ritualen, die man um diesen Nicht-Ort herum schafft. Die Seebestattung hat ihre eigenen kleinen Zeremonien entwickelt: das Streuen von Blütenblättern auf die Wellen, das Loslassen eines symbolischen Gegenstands, das Singen eines gemeinsamen Liedes an Deck. Der Moment, in dem die Urne ins Wasser gleitet – das ist ein Ritual, das ich mir lebhaft vorstellen kann: gleichzeitig schmerzhaft und von einer merkwürdigen Schönheit.

Gedenken ohne festen Ort – geht das?

Ich glaube: ja. Und ich glaube, dass die Seebestattung uns dazu zwingt, kreativer über das Gedenken nachzudenken. Manche Familien schaffen sich einen symbolischen Gedenkort zu Hause – ein Foto des Meeres, eine Muschel, eine kleine Kapsel mit Sand vom Lieblingsstrand. Andere fahren einmal im Jahr an die See, stellen sich ans Ufer und reden – laut oder lautlos – mit dem Menschen, den sie vermissen. Das klingt vielleicht ungewöhnlich. Aber Gedenken braucht keinen Grabstein. Es braucht Aufmerksamkeit und Absicht.

Eine Trauerfeier kann auch bei der Seebestattung vorab stattfinden – an Land, mit allem, was dazugehört: persönliche Worte, Musik, Raum für Erinnerungen und Tränen. Die eigentliche Beisetzung auf See kann dann im kleinen Kreis der engsten Angehörigen erfolgen – oder allein. Beides ist würdevoll. Beides kann tragen.

Weltraumbestattung: Wenn die Asche zu den Sternen fliegt

Und dann gibt es noch die Form, die ich für die faszinierendste und zugleich philosophisch herausforderndste halte: die Weltraumbestattung.

Die erste bekannte Weltraumbestattung fand von 1997 bis 2002 im Auftrag des US-Unternehmens Celestis statt. 24 Miniurnen befanden sich in diesem Zeitraum an einer ausgebrannten Pegasus-Raketenstufe in der Erdumlaufbahn. Seitdem hat sich eine kleine, aber wachsende Branche entwickelt.

Das Prinzip: Nach der Kremation werden etwa ein bis sieben Gramm der Totenasche in eine daumengroße Mikrokapsel gefüllt und zusammen mit anderen Kapseln an Bord einer Trägerrakete ins Weltall befördert. Der Großteil der Asche wird separat, auf herkömmlichem Weg, beigesetzt. Es geht also nicht um eine vollständige Bestattung im All, sondern um eine symbolische Reise – ein Teil des Menschen, der dorthin fährt, wohin wir nicht folgen können.

Es gibt verschiedene Varianten: Bei der suborbitalen Bestattung steigt die Kapsel bis zu 100 Kilometer in die Atmosphäre und fällt dann zurück zur Erde. Bei der orbitalen Bestattung umkreist sie die Erde in einer niedrigen Umlaufbahn, bis sie nach einiger Zeit in der Atmosphäre verglüht – wie eine Sternschnuppe. Und dann gibt es noch die Mondbestattung: Die Kapsel wird auf die Oberfläche des Mondes transportiert. Seit 1998 ist bisher nur der Astronom Eugene Shoemaker auf diese Weise bestattet worden.

Der Anbieter Celestis bietet eine Bestattung in der Erdumlaufbahn ab rund 4.995 US-Dollar an, eine Mondbestattung beginnt bei etwa 12.500 US-Dollar – zuzüglich der Kosten der regulären Einäscherung. Keine günstige Option, aber für Menschen mit einer tiefen Verbindung zum Kosmos offenbar eine, die Bedeutung trägt.

In Deutschland ist die Weltraumbestattung durch den geltenden Friedhofszwang nicht als eigenständige Bestattungsform zugelassen. Sie wird als Ergänzung zur Kremation betrachtet: Der kleine Teil der Asche, der ins All fährt, ersetzt nicht die reguläre Beisetzung. Für die Organisation wenden sich Interessierte direkt an Anbieter wie Celestis Space Services oder den europäischen Anbieter Elysium Space.

Eine Trauerfeier für die Ewigkeit?

Was mich an der Weltraumbestattung beschäftigt, ist die Frage nach dem Ritual. Wie trauert man, wenn der Ort des Gedenkens nicht erreichbar ist – buchstäblich? Wie gestaltet man eine Trauerfeier für jemanden, dessen Asche irgendwo zwischen Erde und Mond kreist?

Ich denke: genauso wie immer. Mit Worten, mit Stille, mit Musik. Mit dem Versuch, den Menschen so zu beschreiben, wie er war – in seiner ganzen, unwiederholbaren Menschlichkeit. Die Besonderheit der Weltraumbestattung liegt vielleicht darin, dass sie eine außergewöhnliche Metapher mitbringt: Jemand, der immer über den Rand des Horizonts hinausschaute, der von den Sternen träumte, der das Große und das Unbekannte liebte – für den ist es keine Absurdität, sondern eine vollkommene Konsequenz.

Und dann gibt es da noch etwas, das mich als Rednerin immer berührt: den Blick in den Nachthimmel danach. Die Hinterbliebenen wissen, dass da oben etwas ist. Nicht metaphorisch – physisch, nachweisbar, real. Eine Sternschnuppe könnte es sein. Ein Orbit, der gerade über ihren Köpfen zieht. Das ist ein Ritual, das nicht aufhört: der tägliche Blick nach oben, als Geste des Gedenkens.

Was alle drei Formen verbindet: der Wunsch nach Authentizität

Wenn ich auf Green Burial, Seebestattung und Weltraumbestattung schaue, dann fällt mir auf, wie unterschiedlich sie sind – und wie ähnlich in ihrer Aussage. Alle drei verweigern sich dem Standard. Alle drei entstehen aus einem Wunsch heraus: dass der Abschied nicht generisch sein soll, sondern wahr. Dass die Bestattung etwas über den Menschen erzählt, der gestorben ist. Dass die Rituale, die dabei entstehen, sich bedeutsam anfühlen – nicht weil eine Institution sie vorschreibt, sondern weil sie von den Menschen selbst gestaltet werden, die trauern.

Das ist, glaube ich, der eigentliche Kern dieser Entwicklung. Nicht die Raffinesse der Bestattungsform. Nicht das Spektakel einer Rakete oder die Romantik des Meeres. Sondern die Frage dahinter: Wer war dieser Mensch? Und wie gestalten wir einen Abschied, der das sagt?

In meiner Arbeit als Trauerrednerin begegne ich dieser Frage bei jeder Familie neu. Und ich erlebe, dass Menschen, die sich für eine unkonventionelle Bestattungsform entscheiden, oft auch unkonventionellere Rituale in die Trauerfeier bringen wollen. Sie wollen nicht die Standardrede, nicht den Einheitsablauf. Sie wollen Worte, die zu ihrem Menschen passen. Und genau dafür bin ich da.

Was bleibt: Trauer braucht Rituale – in welcher Form auch immer

Ich schreibe diesen Text nicht als Werbung für bestimmte Bestattungsformen. Ich habe keine Präferenzen. Eine würdevolle Trauerfeier auf dem Berliner Stadtfriedhof ist nicht weniger wertvoll als eine Beisetzung am Baum im Brandenburgischen. Was zählt, ist die Aufmerksamkeit, die dahintersteckt. Die Bereitschaft, wirklich hinzuschauen und zu fragen: Was hat diesem Menschen entsprochen? Was brauchen die, die bleiben?

Denn Trauer braucht Rituale. Das ist keine romantische These, das ist eine anthropologische Tatsache. Rituale geben dem Schmerz Form. Sie erlauben uns, den Abschied körperlich zu erfahren – durch das Gehen, das Stehen, das Berühren, das gemeinsame Schweigen. Ob das an einem Grab im Wald geschieht, an der Reling eines Schiffs auf der Nordsee oder in einem kleinen Gemeindesaal mit einem Foto und einem Blumenstrauß: Der Rahmen ist zweitrangig. Die Absicht ist alles.

Was mich immer wieder bewegt, ist die Tatsache, dass Menschen – auch in der allergrößten Trauer – kreativ werden. Dass sie sich nicht mit dem Vorgegebenen abfinden, sondern fragen: Wie soll das klingen? Wie soll das riechen? Was sollen die Menschen, die hinterher zusammenstehen, mitgenommen haben? Diese Fragen sind klug. Sie sind mutig. Und sie verdienen Antworten, die genauso ernst genommen werden.

Wenn Sie eine Trauerfeier gestalten möchten, die wirklich zu dem Menschen passt, den Sie verloren haben – ob im Wald, auf See, im kleinen Kreis oder im größeren Rahmen – begleite ich Sie dabei. In Berlin, in Potsdam, in Brandenburg und, wenn es sein soll, auch darüber hinaus. Ich höre zu. Ich frage nach. Und dann finden wir gemeinsam die Worte und die Rituale, die zu Ihnen passen.

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Antje Peter ist freie Trauerrednerin in Berlin. Sie gestaltet persönliche Trauerfeiern in Berlin, Potsdam und Brandenburg – konfessionell ungebunden, mit Empathie und dem Mut zum richtigen Wort.
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