Von Antje Peter · Freie Traurednerin in Berlin, Potsdam & Brandenburg
Foto: (c) Antje Peter

Es ist ein Samstagvormittag in Leipzig, Anfang der 1970er Jahre. Eine junge Frau in einem langen weißen Brautkleid steigt aus einer schwarzen Limousine. Ihre Hände halten einen Brautstrauß aus roten Nelken – und bevor der eigentliche Hochzeitstag beginnen kann, legt sie diesen Strauß an einem Denkmal für die gefallenen sowjetischen Soldaten nieder. Als Zeichen der Verbundenheit. Als Zeichen der Staatstreue.

Und dann geht es los: Kaffeetafel, Tanz, Verwandte, Tränen. Eine Hochzeit wie viele andere auch.

Die Geschichte des Heiratens in der DDR ist eine Geschichte voller Widersprüche. Auf der einen Seite ein Staat, der die Hochzeit ideologisch aufzuladen versuchte und eigene sozialistische Rituale erfinden wollte. Auf der anderen Seite Menschen, die das alles mehrheitlich ignorierten und dann doch in weißen Kleidern vor dem Standesbeamten standen. Ganz so wie die Generationen vor ihnen. Ganz so, wie es irgendwie immer war.

Ich nehme euch mit in eine Zeit, die viele von uns nicht selbst erlebt haben – und die doch näher ist, als wir manchmal denken. Und ich verspreche: Es wird nicht trocken. Denn die Geschichte des Heiratens in der DDR hat alles, was eine gute Geschichte braucht. Drama, Pragmatismus, heimliche Romantik – und einen Brautstrauß an einem Kriegerdenkmal.

Früh heiraten: Die Biografie hatte einen Plan

Eine der auffälligsten Besonderheiten beim Heiraten in der DDR war das Alter, in dem Menschen diesen Schritt wagten. Erheblich früher als im Westen. Das durchschnittliche Heiratsalter lag 1971 bei ledigen Männern bei 23 Jahren und bei Frauen bei 21 Jahren – Werte, die im Westen Deutschlands schon damals deutlich höher lagen und seither weiter gestiegen sind.

Warum so früh? Weil das Leben in der DDR bestimmte Stationen kannte, die aufeinander folgten wie Perlen auf einer Schnur: Schule, Jugendweihe, Ausbildung oder Studium, Ehe, Kinder. Wer sich daran hielt, wurde belohnt. Wer ausscherte, machte es sich unnötig schwer.

Das klingt nach Gleichschritt – und in gewisser Weise war es das auch. Aber dahinter steckte nicht nur Anpassung. Da steckte auch etwas, das ich in meinen Gesprächen mit Paaren, die damals jung waren, immer wieder höre: Man wollte endlich ein eigenes Leben führen. Und heiraten war, neben dem Beruf, oft der schnellste Weg heraus aus dem Elternhaus.

Denn Wohnraum war knapp. Und wer verheiratet war, hatte bessere Chancen auf eine eigene Wohnung als wer allein lebte oder unverheiratet zusammen. Die Ehe war also nicht nur ein Liebesversprechen. Sie war auch ein Ticket zu einem anderen Leben.

Der Ehekredit: Heiraten mit staatlicher Starthilfe

Ab 1972 setzte die DDR einen bemerkenswerten familienpolitischen Hebel an: den zinslosen Ehekredit. Frischverheiratete erhielten einen staatlichen Kredit in Höhe von 5.000 Mark, der sich mit jedem geborenen Kind reduzierte – das sogenannte „Abkindern“. Drei Kinder, und die Schuld war praktisch getilgt.

Das klingt, wenn man es heute liest, geradezu unglaublich. Ein Staat, der Paare buchstäblich dafür belohnte zu heiraten und Kinder zu bekommen. Und der damit gleichzeitig – das muss man ehrlich sagen – erheblichen Druck erzeugte. Denn wer heiratete, tat das manchmal aus Liebe. Manchmal aber auch, weil die Zahlen auf dem Papier einfach Sinn ergaben.

Was für uns heute fast merkwürdig klingt, war für viele DDR-Bürgerinnen und -Bürger schlicht Realität: Man heiratete jung, man bekam früh Kinder, und der Staat half ein bisschen dabei, das Ganze zu finanzieren. Der Ehekredit wurde 1981 auch auf Zweitehen ausgedehnt – denn die Scheidungsraten stiegen, und der Staat wollte, dass die Menschen nach einer Trennung wieder schnell eine neue Familie gründeten.

Ich finde dieses Kapitel der Hochzeitsgeschichte besonders faszinierend – weil es zeigt, wie ein Staat versucht, etwas so Privates wie Liebe und Ehe in den Dienst größerer Ziele zu stellen. Und wie die Menschen das dann doch auf ihre eigene Art lebten.

Die Sozialistische Eheschließung: Ein Ritual, das niemand wollte

Hier wird es richtig interessant. Denn die SED hatte ab den 1950er Jahren eine eigene Idee, wie eine sozialistische Hochzeit auszusehen hatte: die sogenannte Sozialistische Eheschließung.

Die Sozialistische Eheschließung wurde seit den 1950er Jahren in der DDR als Alternative zur kirchlichen Trauung und der einfachen standesamtlichen Trauung propagiert. Das Konzept war in etwa so: Man heiratete nicht im Standesamt, sondern im Kulturhaus oder direkt im eigenen Betrieb. Der Betriebsleiter oder Parteisekretär hielt eine Ansprache. Es gab Musik, einen Chor, Geschenke aus dem betrieblichen Kultur- und Sozialfonds.

Und dann – das ist der Teil, der mich jedes Mal aufs Neue fassungslos macht – legte das frisch verheiratete Paar seinen Brautstrauß an einem Sowjetischen Ehrenmal nieder. Als Zeichen der Verbundenheit mit dem sozialistischen Bruderland.

War das romantisch? Nein. War es das, was sich die meisten Menschen von ihrer Hochzeit erhofft hatten? Ebenfalls nein. Offensichtliche Hinweise darauf, dass Paare sich für diese Form der Trauung entschieden, finden sich in privaten Filmaufnahmen aus der DDR so gut wie gar nicht. Die Sozialistische Eheschließung scheiterte – im Gegensatz zur Jugendweihe, die sich bis heute als säkularer Übergangsritus behauptet hat – weitgehend am Desinteresse der Bevölkerung.

Warum? Weil niemand seine Hochzeitsfeier in die Hände des Betriebs legen wollte. Viele zukünftige Ehepartner waren nicht dazu bereit, die Organisation ihrer Hochzeitsfeier aus den Händen zu geben und wollten ihre Trauung lieber im privaten Rahmen feiern. Der Betrieb wiederum hatte wenig Lust auf den organisatorischen Aufwand. Und so versandete das Ganze.

Was bleibt, ist eine Erkenntnis, die ich immer wieder mache: Der Wunsch, die Rituale des eigenen Lebens selbst zu gestalten – diesen Moment wirklich zu besitzen – ist stärker als jede staatliche Vorgabe. Das war in der DDR so. Und das ist heute so.

Die Hochzeitskleidung: Weiß, obwohl es eigentlich nicht passte

Noch eine Überraschung. Denn man könnte erwarten, dass die DDR auch in Sachen Brautmode ihre eigenen sozialistischen Wege gegangen wäre. Das Weiß, der Schleier, das lange Kleid – das ist doch bürgerlich. Das ist doch westlich.

Und doch: Egal aus welchem Jahrzehnt die Aufnahmen privater DDR-Hochzeiten stammen – die Bräute tragen fast immer weiße Kleider, häufig auch mit einem passenden Schleier. Manchmal sogar mit einer Hochzeitskutsche. Die äußere Form der Hochzeit blieb also – trotz aller sozialistischen Rhetorik – erstaunlich traditionell.

Das ist nicht trivial. Es sagt etwas darüber aus, was Menschen sich von diesem Moment erhoffen. Das Weiß, der Schleier, der festliche Rahmen: Das sind Rituale, die nicht per Dekret aufgegeben werden, weil sie etwas erfüllen, das tiefer sitzt als Ideologie. Sie markieren einen Übergang. Sie sagen: Dieser Moment ist nicht wie alle anderen.

Die übliche Form der Heirat war die standesamtliche Trauung – und sie wurde zelebriert wie eine kirchliche Hochzeit, denn das lange, zumeist weiße Brautkleid, gelegentlich auch eine Hochzeitskutsche, fehlte nicht. Neue sozialistische Ausdrucksformen für diesen Übergangsritus wurden nie wirklich gefunden – anders als etwa bei der Jugendweihe.

Was mich daran berührt: Diese Frauen, die in der DDR in weißen Kleidern heirateten, haben etwas Eigenes daraus gemacht. Sie haben sich das Ritual genommen und es zu ihrem eigenen erklärt – auch wenn der Staat um sie herum eine andere Sprache sprach.

Wohnraum, Einkaufen, Mangelwirtschaft: Die Hochzeit im Alltag

Eine Hochzeit in der DDR zu organisieren war kein leichtes Unterfangen. Bevor man in der ehemaligen DDR damit beginnen konnte, sich Kleid, Schleppe und Accessoires für ein Hochzeitsoutfit zusammenzukaufen, musste die Eheschließung erst beim Rat der jeweiligen Stadt angemeldet werden. Erst danach hatte man die Möglichkeit, bei einem Hochzeitsausstatter einzukaufen.

Man stelle sich das vor: Die Hochzeit beginnt nicht mit der Suche nach dem richtigen Kleid, sondern mit einem Gang zur Behörde. Wer zu früh shoppen ging, bekam schlicht nichts. Das System kannte keine spontanen Entscheidungen.

Und das Catering? Um ausreichend Essen und Trinken für die Gäste zu organisieren, mussten zum Teil lange Vorlaufzeiten in Kauf genommen werden. Es gibt eine dokumentierte Eingabe aus dem Jahr 1964, in der eine Frau eine Extraration Butter und Kondensmilch für ihre Hochzeitsfeier beantragte. Eine Extraration Butter. Für die Hochzeitstorte.

Das klingt absurd. Und es war absurd. Aber es war auch Alltag. Menschen haben Hochzeiten organisiert – mit Einfallsreichtum, mit einem Netzwerk aus Nachbarn, Verwandten, Kolleginnen, die alle ein bisschen was beisteuerten. Die Mangelwirtschaft erzeugte eine Art kollektiver Kreativität. Man half sich gegenseitig. Man teilte.

Wenn ich heute Paare berate, die manchmal verzweifelt sind, weil der Caterer ausgebucht ist oder die Blumen nicht rechtzeitig lieferbar sind – dann denke ich manchmal: Im Vergleich zu einer DDR-Hochzeitsplanung ist das alles recht übersichtlich.

Heiraten als Ausreise: Der dritte Weg durch die Mauer

Es gab noch eine ganz andere Dimension des Heiratens in der DDR – eine, die man nur versteht, wenn man versteht, wie geschlossen dieses System war. Manche Frauen verließen die DDR, indem sie eine Ehe mit einem Ausländer eingingen – für manche Kunststudentinnen war es ein Hauptziel, einen Ausländer zu heiraten, denn nur so öffnete sich die Mauer.

Die Ehe als Fluchtweg. Als einzige legale Möglichkeit, das Land zu verlassen und die Welt zu sehen. Das ist eine der bewegendsten und traurigsten Facetten der DDR-Hochzeitsgeschichte. Denn was für die einen ein romantisches Ereignis ist – das Ja-Wort vor dem Menschen, den man liebt –, war für andere buchstäblich ein Befreiungsakt.

Und selbst das war nicht einfach. Wer in der DDR einen Ausländer heiraten wollte, stieß zunächst auf blankes Unverständnis: Behörden sagten, sie hätten so etwas noch nie gehört – und verweigerten schlicht die Ausstellung eines Antragsformulars. Das System hatte keine Schublade für diesen Wunsch. Also gab es ihn offiziell nicht.

Es braucht etwas Zeit, um das wirklich zu begreifen. Wir reden hier von Hochzeiten – von einem der persönlichsten Momente im Leben eines Menschen. Und dieser Moment war, je nach Umstand, ein politischer Akt. Ein Akt des Widerstands. Oder des Gehorsams. Oder beides gleichzeitig.

Hohe Scheidungsraten: Was die Zahlen erzählen

Noch ein Kapitel, das nicht fehlen darf: die Scheidungen. Denn die DDR war, was das anging, bemerkenswert fortschrittlich – jedenfalls auf dem Papier. Das Scheidungsverfahren war deutlich unkomplizierter als im Westen. Frauen hatten das Recht, selbst die Scheidung einzureichen. Und die gesellschaftliche Ächtung, die im Westen lange mit einer Trennung verbunden war, fehlte in dieser Schärfe.

In den achtziger Jahren wurde jede zweite Ehe in der DDR geschieden – 1960 waren es noch 15 Prozent, 1975 bereits 30 Prozent. Das ist eine bemerkenswerte Entwicklung. Und sie hat mehr als einen Grund.

Zum einen: Frauen in der DDR waren berufstätig. Das war nicht nur Ideal, das war Realität. Eine DDR-Frau arbeitete, hatte ein eigenes Einkommen, war – zumindest auf dem Papier – wirtschaftlich nicht abhängig von ihrem Ehemann. Das schuf Handlungsspielraum, den Frauen im Westen damals oft nicht hatten.

Zum anderen: Die Mehrfachbelastung war enorm. Die Mehrfachbelastung von Hausarbeit, Kindererziehung und Vollzeitjob überforderte viele Frauen – und in der Realität blieb der Haushalt meistens doch den Frauen überlassen. Das offizielle Bild der gleichberechtigten sozialistischen Ehe und die gelebte Realität klafften oft erheblich auseinander.

Was mich daran beschäftigt: Die DDR hatte die Gleichberechtigung in die Verfassung geschrieben. Und trotzdem: Der Abwasch blieb Frauensache. Manche Dinge ändern sich langsamer als Gesetze.

Silberne und Goldene Hochzeit: Was blieb

Inmitten all dieser Besonderheiten – Ehekredit, Sozialistische Eheschließung, Brautstrauß am Denkmal – gab es etwas, das einfach blieb, weil es tief in der menschlichen Sehnsucht verankert ist. Auch in der DDR bestanden die traditionellen Feste der Silbernen und der Goldenen Hochzeit fort.

25 Jahre gemeinsam. 50 Jahre gemeinsam. Das ließ man sich nicht nehmen. Kein Staat, keine Ideologie hat diese Rituale abgeschafft – weil niemand sie abschaffen wollte. Weil sie etwas feiern, das sich jeder Verordnung entzieht: die Tatsache, dass zwei Menschen es zusammen bis hierher geschafft haben. Durch die alltägliche Arbeit, durch Krisen, durch Verluste. Und immer noch zusammen.

Das ist eine der schönsten Erkenntnisse aus der Geschichte des Heiratens – nicht nur in der DDR: Die Rituale, die wirklich tragen, die lassen sich nicht von oben verordnen. Die entstehen, weil Menschen sie brauchen. Und sie überleben jedes politische System.

Was sich nach der Wende änderte – und was blieb

Mit dem Mauerfall 1989 und der Wiedervereinigung 1990 änderte sich auch die Hochzeitskultur im Osten Deutschlands dramatisch – aber nicht so, wie man vielleicht denken würde. In der ehemaligen DDR lag das Heiratsniveau deutlich über dem westdeutschen Level – mit der deutschen Wiedervereinigung kam es zu einem erheblichen Einbruch bei den Eheschließungen.

Der Zusammenbruch des Systems, der Wegfall der staatlichen Anreize, die Unsicherheit über die Zukunft: All das ließ Menschen zögern. Warum jetzt heiraten, wenn das Leben gerade auf dem Kopf steht? Im Jahr 1990 waren noch 57 Prozent der Ostdeutschen zwischen 20 und 35 Jahren verheiratet. Im Jahr 2004 betrug dieser Anteil nur noch 19 Prozent.

Das ist ein gewaltiger Wandel innerhalb einer einzigen Generation. Was die DDR-Gesellschaft jahrzehntelang als selbstverständlichen Bestandteil des Lebens betrachtet hatte – frühes Heiraten, schnelle Familiengründung –, wurde nach der Wende zur Ausnahme. Der Osten Deutschlands entwickelte eigene Muster, die sich von Westen und Osten der DDR-Zeit gleichermaßen unterschieden.

Und heute? Wer in Berlin, Potsdam oder Brandenburg heiraten möchte, bewegt sich in einer Gesellschaft, die alle diese Schichten in sich trägt. Die Kinder und Enkel der DDR-Bräute in weißen Kleidern. Die Töchter und Söhne derer, die nach der Wende das Heiraten erst einmal bleiben ließen. Und irgendwo dazwischen: der Wunsch nach einem Moment, der wirklich gehört. Wirklich persönlich ist. Wirklich berührt.

Was die DDR-Hochzeitsgeschichte uns heute sagen kann

Ich erzähle diese Geschichte nicht, weil ich nostalgisch wäre. Ich bin Jahrgang 1978, aufgewachsen in Berlin – und ich kenne die DDR hauptsächlich aus Erzählungen und Archiven. Aber ich erzähle sie, weil sie etwas sichtbar macht, das mich in meiner Arbeit als Traurednerin in Berlin täglich beschäftigt.

Dass die Hochzeit – so unterschiedlich sie in verschiedenen Zeiten und Gesellschaften aussah – immer dasselbe Bedürfnis erfüllt hat: den Wunsch, einen Moment des Übergangs zu markieren. Ihn sichtbar zu machen. Ihm Sprache zu geben. Ihn zu feiern.

Die Menschen in der DDR haben sich ihre Rituale nicht nehmen lassen. Nicht das weiße Kleid. Nicht die Silberhochzeitsfeier. Nicht die Torte, für die man Extrarations Butter beantragte. Sie haben ihren Tag so gestaltet, wie es ihnen möglich war – und ihn trotzdem zu ihrem eigenen gemacht.

Das finde ich bemerkenswert. Und das ist, glaube ich, auch das Schönste, was man aus dieser Geschichte mitnehmen kann: Der Wunsch, die wichtigen Momente des Lebens wirklich zu leben – wirklich zu fühlen, wirklich zu bezeugen – der war stärker als jede Ideologie.

Er ist es heute immer noch.

Ihr plant eure Hochzeit in Berlin oder Brandenburg und wünscht euch eine freie Trauung, die wirklich von euch erzählt? Ich höre zu. Ich frage nach. Und dann finde ich die Worte, die zu euch passen. Schreibt mir.

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Quellen