Von Antje Peter, freie Traurednerin in Berlin
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Es ist ein Samstagmorgen – nein, natürlich ist es ein Sonntagmorgen, denn der Samstag gehört auf Sizilien den Witwen, die eine zweite Liebe gefunden haben – irgendwo zwischen Palermo und Agrigento, in einem Dorf, das so aussieht, als hätte die Zeit es vergessen. Die Gassen sind eng, die Häuser ockerfarben, die Luft riecht nach Jasmin und Meersalz. Und dann hört man es: Glocken. Und kurz danach: Musik. Eine Prozession setzt sich in Bewegung.

Braut und Bräutigam gehen zu Fuß zur Kirche. Nicht weil kein Auto verfügbar wäre. Sondern weil es so Sitte ist. Weil jeder im Dorf sehen soll, dass heute geheiratet wird. Weil das Leben manchmal laut sein darf. Und weil ein gutes Ritual eben nicht im Stillen passiert, sondern vor Zeugen.

Als freie Traurednerin in Berlin begleite ich Paare bei einem der schönsten Momente ihres Lebens. Ich schreibe Reden, die keine Schubladentexte sind. Ich suche nach der Geschichte hinter der Geschichte. Und je mehr ich über Hochzeitszeremonien anderer Kulturen erfahre, desto mehr bin ich davon überzeugt: Der Wunsch, Liebe sichtbar zu machen, ihr eine Form zu geben – diesen Wunsch teilen alle Menschen. Die Rituale, in denen er sich ausdrückt, sind das Faszinierende. Heute nehme ich euch mit nach Sizilien.

Eine Insel, die Rituale ernst nimmt

Sizilien ist die größte Insel im Mittelmeer – und eine der kulturell vielschichtigsten Regionen Europas. Griechen, Römer, Araber, Normannen, Spanier: Alle haben auf dieser Insel Spuren hinterlassen. In der Küche, in der Architektur, in der Sprache. Und auch in den Bräuchen. Wer Sizilien verstehen will, muss verstehen, dass es kein einfaches „Süditalien“ ist – es ist ein Kosmos für sich, mit eigener Logik und eigenem Stolz.

Die sizilianische Kultur ist tief in der Tradition verwurzelt. Sitten und Gebräuche werden seit Jahrhunderten von Generation zu Generation weitergegeben. Das gilt für religiöse Feste und Prozessionen – und es gilt ganz besonders für das, was auf der Insel vielleicht am meisten gefeiert wird: die Hochzeit. Una vera festa siciliana. Ein echtes sizilianisches Fest.

In diesem Beitrag nehme ich euch mit in diese Hochzeitskultur – durch ihre Rituale, ihre Symbole, ihre Eigenheiten. Was ist auf Sizilien gleich wie im restlichen Italien? Was ist anders? Und was können wir uns davon abschauen – für unsere eigenen Zeremonien, ob in Berlin, Brandenburg oder anderswo?

La Serenata: Das Ständchen als Liebeserklärung

Alles beginnt am Abend vor der Hochzeit. Der Bräutigam, seine Freunde, vielleicht ein paar Musiker – sie stellen sich unter dem Fenster der Braut auf. Und dann erklingt die Serenata: ein Ständchen, ein romantisches Spektakel unter freiem Himmel, das an die berühmte Balkonszene aus Shakespeares Romeo und Julia erinnert.

Öffnet die Braut ihr Fenster und gibt ein Zeichen – hat sie den Antrag angenommen. Bleibt das Fenster geschlossen, kommt das einer Ablehnung gleich. In der Praxis sind solche Überraschungsserenaten natürlich abgesprochen. Aber das ändert nichts daran, dass der Moment etwas hat: Der Mann steht dort, unter dem Sternenhimmel Siziliens, und singt. Er macht seine Liebe öffentlich. Er riskiert etwas – zumindest symbolisch.

Weddix beschreibt diesen Brauch als eine der charakteristischsten Traditionen Italiens, die besonders im Süden bis heute gepflegt wird. Als Traurednerin mag ich solche Rituale sehr: Sie geben dem Vorabend eine eigene Würde. Sie sagen: Morgen beginnt etwas Neues. Heute Nacht feiern wir noch, was war.

Der Hochzeitstag beginnt mit der Prozession

Am Morgen des Hochzeitstags – in der Regel ein Sonntag, denn Freitag und Dienstag gelten in Italien als Unglückstage – bricht das Brautpaar zur Kirche auf. Nicht per Auto. Zu Fuß, in einer Prozession durch die Dorfgassen.

Dieser Brauch hat eine klare Botschaft: Wir zeigen uns. Ihr alle seid Zeugen. Das Paar geht durch die Straßen seiner Gemeinschaft, und die Gemeinschaft nimmt Anteil. Kinder schauen aus den Fenstern. Nachbarn winken. Eventpeppers erklärt dazu, dass Braut und Bräutigam den Weg zur Kirche traditionell zu Fuß zurücklegen – nach dem Sprichwort: Chi va piano, va sano e va lontano. Wer langsam geht, geht gesund und geht weit.

In manchen Regionen Italiens werden dem Paar auf dem Weg Hindernisse in den Weg gelegt – ein Besen, ein Seil, ein Holzblock – um zu prüfen, ob sie auch holprige Situationen gemeinsam meistern können. Wird der Braut ein Besen vor die Füße geworfen und hebt sie ihn schnell auf, so deutet das nach Marryx auf eine gute Hausfrau hin – ein Brauch, der heute natürlich mit einem Augenzwinkern zu verstehen ist. Auf Sizilien ist der Fokus dieser Prozession weniger auf die Hindernisse gerichtet als auf das Gemeinschaftsgefühl: Man zeigt sich. Man geht zusammen.

Die Kleidung: Grün vor dem Altar, Weiß danach

Ein Brauch, der vielen Deutschen unbekannt ist: Am Tag vor der Hochzeit trägt die Braut nach alter sizilianischer und süditalienischer Sitte kein Weiß, sondern Grün. Grün steht für Fruchtbarkeit. Es ist die Farbe, die der Ehe einen Kindersegen versprechen soll.

Am Hochzeitstag selbst tritt die Braut in Weiß vor den Altar – ein Kleid, das Unschuld und Reinheit symbolisiert, und dazu ein Schleier, der das Gesicht bedeckt. Keinen Goldschmuck trägt sie jedoch bis nach der Zeremonie. Das ist kein modischer Minimalismus, sondern ein alter Aberglaube: Gold vor dem Jawort bringt Unglück, so die Überzeugung. Das Gold der Reinheit und Ewigkeit soll erst nach dem Eheversprechen sichtbar werden.

Der Bräutigam trägt üblicherweise einen eleganten Anzug – und in seiner Hosentasche ein kleines Stück Eisen. Kein Zufund, kein Schmuck: Es dient dazu, böse Geister fernzuhalten und das junge Glück zu schützen. Aberglaube und Liebe gehen in Süditalien Hand in Hand – und das finde ich ehrlich gesagt ziemlich sympathisch. Es gibt zu, dass man sich Sorgen macht. Es gibt zu, dass man hofft.

Die kirchliche Trauung: Zeremonie und Standesamt in einem

Auf Sizilien, wo der Anteil der praktizierenden Katholiken besonders hoch ist, findet die Trauung fast immer in der Kirche statt. Aber: Das ist in Italien keine bloße Religionssache. Denn in Italien hat der Staat der Kirche das Recht übertragen, auch standesamtliche Trauungen durchzuführen – die sogenannte Konkordatsehe.

Das bedeutet: Beim Gang vor den Altar wird man nicht nur vor Gott vermählt. Man wird es gleichzeitig auch vor dem Gesetz. Der Priester liest Paragraphen des Bürgerlichen Gesetzbuchs vor. Das Brautpaar und die Trauzeugen unterschreiben direkt im Anschluss an die Zeremonie. Kirche und Standesamt verschmelzen zu einem einzigen Moment. No-Tamada beschreibt diese Praxis als ein Charakteristikum des italienischen Hochzeitsrechts, das die enge Verbindung zwischen Glaube, Gemeinschaft und staatlichem Recht sichtbar macht.

Die Kirche ist mit Blumen und Kerzen geschmückt. Kirchenlieder erklingen, manchmal ein Solist, manchmal ein Chor. Die Zeremonie ist feierlich, langsam, würdevoll. Sie ist kein Durchlauf – sie ist ein Moment, der sich dehnt.

Weizen und Honig: Fruchtbarkeit hat viele Formen

Wenn das frisch getraute Brautpaar die Kirche verlässt, warten die Gäste mit einer Geste, die auf Sizilien eine ganz eigene Tradition hat. Kein Papierkonfetti, kein Regen aus Rosenblättern: Auf Sizilien wird das Brautpaar nach dem Verlassen der Kirche mit Weizen beworfen.

Das ist kein Zufall und kein rustikaler Scherz. Der Weizen ist auf Sizilien seit Jahrtausenden ein Symbol für Fülle, Fruchtbarkeit und Leben. Die Insel war in der Antike die Kornkammer des Römischen Reiches. Das Korn, das Brot, die Ähre – das alles ist in der Symbolik Siziliens zutiefst verankert. Wenn die Gäste das Paar mit Weizen bewerfen, wünschen sie ihm: Möget ihr gedeihen. Möget ihr Frucht bringen. 2trauringe-gold.de dokumentiert diesen Brauch als spezifisch sizilianisch – und ergänzt, dass das Paar danach als weiteres Zeichen der Fülle einen Löffel Honig erhält.

Honig. Das ist ein Bild, das mich als Rednerin sofort fasziniert. Nicht nur süß, sondern konzentriert süß. Honig verdirbt nicht. Er hält. Er überdauert Jahrtausende. Es gibt ägyptischen Honig aus Pharaonengräbern, der noch immer genießbar ist. Wenn das Paar nach dem Weizen einen Löffel Honig bekommt, bekommt es eine Botschaft: Eure Süße soll halten. Eure Verbindung soll nicht vergehen.

Die Konfetti: Was in Italien aus der Luft fällt, kann man essen

Hier lohnt sich eine Begriffsklärung, denn das Wort Konfetti meint in Italien etwas völlig anderes als in Deutschland. Wenn auf einer sizilianischen Hochzeit von Konfetti die Rede ist, sind keine bunten Papierschnipsel gemeint – sondern gezuckerte Mandeln. Confetti auf Italienisch: eine Mandel, ummantelt von einer Schicht aus Zucker, bunt oder weiß, hart und süß zugleich.

Diese Zuckermandeln haben eine Geschichte, die bis ins 17. Jahrhundert zurückreicht. Damals schenkten sich der Adel zuckerumhüllte Mandeln in kleinen Geschenkboxen als Zeichen von Dankbarkeit und Wertschätzung. Heute sind sie ein fester Bestandteil jeder Bonboniera – des kleinen Gastgeschenks, das das Brautpaar am Ende der Feier an jeden Gast überreicht.

Aber Achtung: Die Anzahl der Zuckermandeln in der Bonboniera ist nicht beliebig. Sie muss eine ungerade Zahl sein – am besten fünf oder sieben. Denn ungerade Zahlen lassen sich nicht teilen. Sie stehen für Untrennbarkeit. Italy-Villas erläutert, dass die fünf Konfetti in der Bonboniera typischerweise für fünf Lebenswünsche stehen: Gesundheit, Wohlstand, Glück, Fruchtbarkeit und ein langes Leben. Jede Mandel hat eine Bedeutung. Kein Detail ist zufällig.

Oft symbolisieren auch die Farben der Konfetti etwas: Weiß steht für Hochzeiten, Hellblau für Taufen, Rosa für die Geburt eines Mädchens, Grün für Verlobungen. Eine Sprache aus Zucker und Farbe.

Bacio! Bacio! – Wenn die Gäste das Sagen haben

Wer auf einer sizilianischen Hochzeit noch nie laut gerufen hat: Bacio! – Küsschen! – der hat etwas verpasst. Dieser Ruf ist auf einer italienischen Hochzeit so unausweichlich wie die Pasta im ersten Gang. Und er erschallt so oft, dass das Brautpaar bisweilen mehr mit Küssen als mit Essen beschäftigt ist.

Wie das funktioniert: Wenn die Gäste finden, dass es Zeit für einen Kuss ist – und das finden sie sehr oft –, rufen sie laut Bacio! Das Brautpaar muss sich küssen. War der Kuss nicht intensiv genug, rufen die Gäste erneut. Marryx beschreibt diesen Brauch als einen der lebhaftesten der ganzen Feier. Erst wenn alle zufrieden sind, gibt es Ruhe.

Das klingt nach Spaß – und ist es auch. Aber dahinter steckt mehr als Unterhaltung. Es ist eine Form der Gemeinschaft: Die Gäste mischen sich ein. Sie bestehen auf Ausdruck. Sie lassen das Brautpaar nicht in seiner eigenen Blase verschwinden, sondern holen es in die Mitte. Wir sind alle hier. Wir wollen euch sehen. Zeigt uns, was ihr füreinander empfindet.

Das Hochzeitsmahl: Zehn Gänge und kein Ende in Sicht

Was in Deutschland eine mehrgängige Hochzeit ist, ist auf Sizilien ein Ereignis für sich. Das Festmahl nach der Trauung ist kein schlichtes Dinner – es ist ein Epos in Speisen. Zwischen vier und fünfzehn Gänge sind keine Seltenheit. Marryx berichtet, dass bei großen Familienhochzeiten in Süditalien mitunter bis zu fünfzehn Gänge aufgetischt werden – begleitet von Wein, Digestifs und allem, was die sizilianische Küche zu bieten hat.

Der Ablauf ist dabei ritualisiert. Zuerst die Antipasti: Bruschetta, Oliven, Mozzarella, gegrilltes Gemüse, vielleicht Meeresfrüchte – denn Sizilien ist eine Insel, und das Meer ist überall. Dann das Primo Piatto: eine Pasta, ein Risotto. Dann das Secondo Piatto: Fleisch oder Fisch, auf Sizilien oft Seebarsch, Schwertfisch oder gegrilltes Lamm. Dazu Contorni, Beilagen. Dann Käse, Obst, Dessert. Zuletzt: Espresso, Likör, Torronegebäck. Die Hochzeitstorte wird erst ganz am Ende angeschnitten – als letzter gemeinsamer Akt des Paares für seine Gäste.

Das ist kein Essen, das man nebenbei macht. Das ist eine Form des Gastgebens, die Zeit braucht. Stunden. Manchmal einen ganzen Tag. Und das ist gewollt: Die sizilianische Hochzeit ist keine Veranstaltung, die man um 23 Uhr verlässt. Man bleibt. Man isst. Man redet. Man bleibt noch länger.

La Tarantella: Der Tanz, der alles auf den Kopf stellt

Irgendwann nach dem Essen – und manchmal auch mitten darin – setzt die Musik ein. Und zwar richtig. Die Tarantella ist der Volkstanz des Südens: schnell, rhythmisch, laut, ansteckend. Im 3/8- oder 6/8-Takt. Mit Tambourinen und Gitarren, manchmal auch Akkordeon. In der Region Basilikata und auf Sizilien wird dieser Tanz auch als Quadriglia bezeichnet, wie Italienische-Musik.com erläutert.

Die Legende, die sich um die Tarantella rankt, klingt fast zu gut: Eventpeppers berichtet, dass einer italienischen Sage nach eine Braut sich durch diesen Tanz selbst von einem Spinnenbiss heilte – sie tanzte so lange und so intensiv, dass das Gift aus ihrem Körper schwand. Ob das stimmt oder nicht: Die Tarantella hat etwas Beschwörendes. Wenn alle tanzen, ist kein Platz mehr für Melancholie. Für Angst. Für Zweifel.

Als Traurednerin beobachte ich immer wieder: Der Moment, in dem eine Hochzeit wirklich lebendig wird, ist nicht die Zeremonie. Es ist der erste Tanz. Der Moment, wo sich die Tanzfläche füllt. Wo die Kinder anfangen mitzumachen und die Großeltern die Hände heben. Die Tarantella auf einer sizilianischen Hochzeit ist dieser Moment – nur lauter, schneller und mit mehr Tambourin.

Der erste Tanz und die Luftschlangen

Bevor die Tarantella die Tanzfläche übernimmt, gibt es den ersten Tanz des Brautpaares – und auch dieser hat seinen eigenen Charme. Italy-Villas beschreibt, wie die Hochzeitsgäste beim ersten Walzer des Brautpaares bunte Luftschlangen hochhalten, die an den Händen von Braut und Bräutigam befestigt sind. Beim Tanzen wickeln die Gäste das Paar mit diesen Schlangen ein – eine Geste, die so zärtlich wie symbolisch ist: Wir umhüllen euch. Wir sind um euch herum.

Das Paar tanzt, und die Gäste sind nicht nur Zuschauer, sondern Teil der Choreografie. Auch das ist typisch für die sizilianische Hochzeitskultur: Es gibt kein klares Drinnen und Draußen, kein Brautpaar auf der Bühne und Gäste davor. Alle sind Mitwirkende. Alle sind Teil des Festes.

Die Krawatte des Bräutigams: Wenn ein Freund zur Schere greift

Unter den sizilianischen und süditalienischen Hochzeitsbräuchen gibt es einige, die vor allem durch ihren Humor bestehen. Einen davon sollte der Bräutigam kennen – bevor es zu spät ist.

Irgendwann im Laufe der Feier schnappt sich ein enger Freund des Bräutigams eine Schere. Und zerschneidet dessen Krawatte. In möglichst kleine Stücke. Diese Stücke werden dann an die Hochzeitsgäste verkauft – und das gesammelte Geld geht ans Brautpaar, wie Marryx beschreibt. Es ist eine kleine finanzielle Überraschung für das Paar – und ein sehr großer Spaß für die Gäste.

Was steckt dahinter? Ich denke: Es ist ein Moment der Entspannung. Der Bräutigam steht den ganzen Tag im Mittelpunkt, ist angespannt, sitzt gerade, lächelt. Und dann nimmt ihm jemand die Krawatte weg – buchstäblich – und alle lachen. Das Fest braucht solche Momente. Nicht alles muss feierlich sein. Manchmal muss einfach gelacht werden.

Die Scherben: Je mehr, desto länger hält die Ehe

Nach der Zeremonie – oder auf der Hochzeitsfeier selbst – gibt es noch ein Ritual, das ich besonders bezeichnend finde. Das Brautpaar nimmt eine Vase oder ein Glas und zerschmettert es. Gemeinsam. Dann versuchen beide, die Scherben so klein wie möglich zu zertreten.

Warum? Weil laut Überlieferung jede Scherbe ein Jahr Eheglück symbolisiert. Je mehr Scherben, desto länger die glückliche Ehe. Das ist ein Bild, das ich mag: Aus dem Zerbrechen entsteht etwas Wertvolles. Nicht das Unversehrte, sondern das Aufgebrochene verspricht Fülle. Eine Metapher, die ehrlicher ist als viele andere.

Als Traurednerin sage ich das manchmal sinngemäß auch in meinen Reden: Eine gute Ehe ist keine Vase, die nie fällt. Sie ist das Paar, das lernt, zusammen aufzuräumen.

Der Schleier zerreißen: Glück durch den Riss

Ein weiterer Brauch, der Außenstehende manchmal überrascht: Auf einer sizilianischen Hochzeit kann der Schleier der Braut zerrissen werden. Das ist kein Unfall und kein schlechtes Zeichen. Im Gegenteil: Es soll Glück bringen. Hochzeitsglocken erklärt, dass viele Bräute sich eigens einen Ersatzschleier besorgen – nur für diesen Zweck. Der erste Schleier, der Symbolschleier, darf zerrissen werden. Der zweite bleibt heil für die Fotos.

Es gibt etwas Befreiendes an diesem Gedanken. Der Schleier als Symbol der Unschuld, der Reinheit, des Unvermählten – er wird zerrissen. Nicht weil etwas kaputtgeht, sondern weil eine Phase endet. Etwas zerreißt, damit etwas Neues beginnen kann. Das Ritual macht den Übergang sichtbar.

Die Bonboniera: Das letzte Wort gehört der Süße

Am Ende der Feier – wenn die Gäste aufbrechen, die Tanzfläche sich leert und der Espresso schon dreimal nachgeschenkt wurde – passiert noch einmal etwas. Das Brautpaar überreicht jedem Gast die Bonboniera: ein kleines, hübsch verpacktes Schächtelchen oder Säckchen. Darin: die Zuckermandeln, die Confetti.

Hochzeits-Einladungen beschreibt die Bonboniera als Symbol des Familienlebens. Sie ist ein Dankeschön: Danke, dass ihr da wart. Danke, dass ihr Zeugen wart. Und: Nehmt ein Stück Süße mit nach Hause.

Das finde ich einen schönen Gedanken. Die Hochzeit endet nicht mit dem letzten Tanz. Sie endet mit einer Geste der Großzügigkeit. Das Paar gibt seinen Gästen etwas mit – nicht irgendeine Kleinigkeit, sondern etwas Bedeutsames, das eine Geschichte hat, das seit Jahrhunderten zu diesem Moment gehört.

Sizilien und der Glaube: Die Prozessionen als Herzstück

Wer von Hochzeitsprozessionen auf Sizilien spricht, kann nicht umhin, auch die religiöse Kultur der Insel zu erwähnen – denn beide sind eng miteinander verwoben. Sizilien ist ein zutiefst religiöses Land. Jede Stadt, jedes Dorf hat seinen eigenen Schutzheiligen, dem zu Ehren jedes Jahr eine Prozession stattfindet: eine Lichterprozession, eine Heiligenstatue auf den Schultern der Gläubigen, Kirchengesang in den Gassen.

Diese Fähigkeit, öffentlich zu feiern, öffentlich zu beten, öffentlich zu trauern und öffentlich zu heiraten – sie ist auf Sizilien tief verwurzelt. Sizilien-Netz schreibt, dass Traditionen in Sizilien wie ein Eckpfeiler sind, auf dem das ganze Leben der Insel ruht. Nicht nur für die Touristen – sondern für die Menschen selbst.

Die Hochzeit ist in diesem Sinne keine Privatangelegenheit. Sie ist ein öffentlicher Akt, ein gemeinschaftliches Ereignis. Und die Prozession durch die Dorfgassen ist nicht Theater – sie ist echte Teilhabe. Jeder, der zusieht, ist dabei. Jeder, der Konfetti wirft oder Bacio! ruft, ist Teil der Zeremonie.

Was ist auf Sizilien anders als im restlichen Italien?

Eine berechtigte Frage. Denn vieles, was ich bisher beschrieben habe, gilt auch für ganz Süditalien, manchmal für ganz Italien. Was ist das spezifisch Sizilianische?

Erstens: der Weizen. Während im restlichen Italien Reis auf das Brautpaar geworfen wird – als Symbol für Fruchtbarkeit –, ist es auf Sizilien nach wie vor Weizen, wie Hochzeitsglocken und 2trauringe-gold.de belegen. Und der anschließende Löffel Honig ist ebenfalls eine sizilianische Besonderheit.

Zweitens: die Einbettung in eine Kultur der Prozessionen. Wer auf Sizilien groß geworden ist, kennt Prozessionen von Kindheit an. Sie sind Teil des Jahreskreises, Teil des religiösen Lebens. Wenn bei einer Hochzeit das Brautpaar durch die Gassen zieht, ist das keine touristische Inszenierung – es ist eine Form von Kontinuität.

Drittens: das Gewicht der Familie. Auf Sizilien ist die Familie – la famiglia – die zentrale soziale Einheit. Eine Hochzeit auf Sizilien ist nie nur eine Verbindung zweier Menschen. Sie ist die Verbindung zweier Familien, zweier Netzwerke, zweier Geschichten. Das schlägt sich in der Größe der Feier nieder, in der Zahl der Gäste, in der Bedeutung, die den Eltern beigemessen wird.

Was ich als Traurednerin mitnehme

Ich sitze manchmal mit Paaren zusammen, die mir sagen: Wir wollen etwas Besonderes – aber wir wissen nicht, was. Und dann fragen wir uns gemeinsam: Was bedeutet euch eure Verbindung? Was wollt ihr sichtbar machen? Welche Geste soll erzählen, was ihr füreinander empfindet?

Die sizilianische Hochzeitstradition gibt darauf eine sehr klare Antwort. Sie sagt: Macht es öffentlich. Geht durch eure Straßen. Lasst die Menschen sehen, dass ihr liebt. Werft Weizen, gebt Honig weiter, singt, tanzt, zertretet Scherben. Gebt euren Gästen am Ende etwas mit – eine kleine, süße Erinnerung daran, dass sie dabei waren.

All das sind Rituale, die ich faszinierend finde – nicht weil sie exotisch wären, sondern weil sie etwas tun, was gute Rituale immer tun: Sie übersetzen ein Gefühl in eine Handlung. Sie machen das Innere sichtbar. Sie geben dem Versprechen eine Form, die man nicht vergisst.

Wenn ihr euch fragt, welche Rituale zu eurer Hochzeit passen könnten – ob ein gemeinsames Zerbrechen, ein symbolisches Weizenwerfen, eine Serenata am Abend vor der Feier oder etwas, das wir zusammen für euch entwickeln: Ich bin da. Ich helfe euch, die Form zu finden, die zu eurer Geschichte passt.

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