Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin
Foto: © AnnaStills via istock.com
Es ist ein grauer Donnerstagvormittag in Berlin-Weißensee, Nieselregen, die Kastanien vor der Trauerhalle haben ihre Blätter schon fast verloren. Die Feier ist vorbei. Fünfundzwanzig Minuten hatten wir, dann klopfte der nächste Termin schon leise an die Tür. Draußen stehen die Gäste in kleinen Grüppchen, jemand schaut aufs Handy, jemand sucht den Autoschlüssel. Und die Witwe, eine Frau Anfang siebzig, die eben noch die Urne ihres Mannes zum Grab getragen hat, dreht sich zu mir um und fragt: „Und jetzt?“
Und jetzt.
Diese zwei Worte lassen mich seit Jahren nicht los. Denn genau hier, an diesem Punkt, endet bei uns das Ritual – und beginnt die eigentliche Trauer. Allein, ohne Landkarte, ohne Begleitung. Montag wird wieder gearbeitet. Nach zwei Wochen fragt kaum noch jemand nach. Nach einem halben Jahr heißt es: „Du musst jetzt aber langsam wieder nach vorne schauen.“
In buddhistisch geprägten Kulturen wäre an diesem Donnerstagvormittag fast nichts vorbei gewesen. Dort hätte der Abschied gerade erst begonnen. Buddhistische Trauerrituale rechnen in Wochen, in Monaten, manchmal in Jahren – und ich glaube, wir können von ihnen mehr lernen, als uns lieb ist.
Warum wir das Trauern verlernt haben
Der Tod ist in unserer europäischen Gegenwart seltsam unsichtbar geworden. Gestorben wird im Krankenhaus oder im Pflegeheim, selten zu Hause. Die Verstorbenen werden von Profis abgeholt, versorgt, aufgebahrt – meist hinter verschlossenen Türen. Viele Erwachsene haben noch nie einen toten Menschen gesehen. Wir haben den Tod ausgelagert, professionalisiert, beschleunigt.
Und mit dem Tod haben wir auch die Trauer verdrängt. Sie soll leise sein, kurz, möglichst unauffällig. Schwarze Kleidung? Höchstens am Tag der Beisetzung. Ein Trauerjahr, wie es unsere Urgroßeltern noch kannten? Klingt heute fast exotisch. Organisationen wie der Deutsche Hospiz- und PalliativVerband arbeiten seit Jahren daran, das Sprechen über Sterben und Tod wieder in die Mitte der Gesellschaft zu holen – gerade weil es dort so lange keinen Platz hatte.
Ich erlebe die Folgen dieser Sprachlosigkeit in fast jedem Vorgespräch. Familien, die nicht wissen, ob man an einer Trauerfeier lachen darf. Söhne, die sich entschuldigen, wenn ihnen die Stimme bricht. Freundinnen, die fragen, ob es „übertrieben“ sei, ein Lieblingslied der Verstorbenen zu spielen. Als bräuchte Trauer eine Genehmigung.
Sie braucht keine Genehmigung. Sie braucht Zeit und Form. Genau das ist es, was buddhistische Trauerrituale ihr geben.
Neunundvierzig Tage: Der lange Weg des Abschieds im tibetischen Buddhismus
Im tibetischen Buddhismus gilt der Tod nicht als Schlusspunkt, sondern als Übergang. Nach der Überlieferung wandert das Bewusstsein des Verstorbenen bis zu neunundvierzig Tage durch einen Zwischenzustand, den Bardo, bevor es – so der Glaube – eine neue Existenz annimmt. In dieser Zeit sind die Hinterbliebenen nicht zur Untätigkeit verurteilt. Im Gegenteil: Sie haben eine Aufgabe.
Sie rezitieren Texte. Sie lassen Gebete sprechen. Sie zünden Lichter an, alle sieben Tage, sieben Wochen lang. Sie begleiten den Verstorbenen, statt ihn loszulassen, bevor sie dazu bereit sind.
Man muss an keine Wiedergeburt glauben, um die Weisheit dieser Struktur zu erkennen. Neunundvierzig Tage – das ist ungefähr die Zeit, in der bei uns die Kondolenzkarten verstummen und der Alltag wieder seine Rechte fordert. Genau dann, wenn Trauernde bei uns am einsamsten sind, sieht das tibetische Ritual die dichteste Begleitung vor. Wöchentliche Verabredungen mit dem Abschied. Was für ein Gedanke.
Japan: Der Hausaltar und die Kunst, die Toten im Alltag zu behalten
In Japan, wo Bestattungen überwiegend buddhistisch geprägt sind, endet die Beziehung zu den Verstorbenen nicht am Grab. In vielen Wohnungen steht ein Butsudan, ein kleiner Hausaltar mit dem Foto der Verstorbenen. Dort wird morgens eine Schale Reis abgestellt, eine Tasse Tee, manchmal die Lieblingssüßigkeit. Man erzählt den Toten vom Tag. Man verneigt sich kurz, bevor man das Haus verlässt.
Und einmal im Jahr, zum Obon-Fest im Sommer, kehren die Ahnen der Vorstellung nach für einige Tage zu ihren Familien zurück – begrüßt mit Laternen, Tänzen und Essen. Trauer und Fest, Tod und Leben: kein Widerspruch, sondern ein Kreislauf.
Ich finde das tröstlich, gerade weil es so unspektakulär ist. Keine großen Gesten, sondern kleine, tägliche Handlungen. Die Beziehung zu einem geliebten Menschen endet nicht mit seinem Tod – sie verwandelt sich. Die Trauerforschung nennt das heute „continuing bonds“, fortdauernde Bindungen. Japanische Familien praktizieren es seit Jahrhunderten, jeden Morgen, mit einer Schale Reis.
Theravada: Trauern heißt handeln
In Thailand, Myanmar oder Sri Lanka, den Ländern des Theravada-Buddhismus, ist Trauer vor allem eines: tätig. Die Angehörigen laden Mönche ein, bereiten Essen zu, geben Spenden – und übertragen das dadurch erworbene „Verdienst“ symbolisch auf die Verstorbenen. An festen Tagen nach dem Tod, oft auch am Jahrestag, wiederholt sich dieses Ritual.
Wer trauert, hat also etwas zu tun. Etwas Sinnvolles, Konkretes, Gemeinschaftliches. Kochen. Einladen. Geben.
Wie oft höre ich in meinen Gesprächen den Satz: „Ich wusste gar nicht, wohin mit mir.“ Genau dafür sind solche Rituale da. Sie verwandeln ohnmächtige Liebe in Handlung. Wer mehr über die verschiedenen buddhistischen Traditionen erfahren möchte, findet bei der Deutschen Buddhistischen Union einen guten Überblick – Buddhismus ist längst auch in Deutschland zu Hause, in Berlin ganz besonders.
Die Vergänglichkeit nicht verdrängen, sondern anschauen
Hinter all diesen Ritualen steht eine Haltung, die unserer Kultur radikal fremd geworden ist: Der Buddhismus verdrängt die Vergänglichkeit nicht – er stellt sie ins Zentrum. Alles, was entsteht, vergeht. Die Meditation über den eigenen Tod gilt nicht als morbide, sondern als Übung in Klarheit und Dankbarkeit.
Auch das ist übrigens kein rein östlicher Gedanke. Montaigne schrieb, philosophieren heiße sterben lernen. Und Jean Paul, der große Melancholiker unter den deutschen Dichtern, wusste, dass die Erinnerung das einzige Paradies ist, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Wir hatten diese Weisheit einmal. Wir haben sie nur gründlich verlegt.
Was können wir von buddhistischen Trauerritualen lernen – ohne Buddhisten zu werden?
Niemand muss konvertieren, um sich von diesen Traditionen etwas schenken zu lassen. Was ich aus ihnen mitnehme – für meine Arbeit und für die Familien, die ich begleite:
- Gebt der Trauer Zeit. Nicht fünfundzwanzig Minuten, sondern Wochen und Monate. Verabredet euch mit dem Abschied: nach sieben Tagen, nach sieben Wochen, am Jahrestag. Ein Essen, ein Spaziergang zum Grab, ein Abend mit Fotos.
- Schafft einen Ort im Alltag. Es muss kein Altar sein. Ein Foto auf der Kommode, daneben die Kaffeetasse mit dem abgeplatzten Henkel, aus der er immer getrunken hat. Ein Ort, an dem man kurz stehen bleiben und „Guten Morgen“ sagen kann.
- Werdet tätig. Kocht ihr Lieblingsgericht und ladet Menschen ein, die sie geliebt haben. Spendet in seinem Namen. Pflanzt etwas. Trauer braucht Hände, nicht nur Tränen.
- Trauert gemeinsam. Kein einziges der Rituale, von denen ich erzählt habe, findet allein statt. Trauer ist keine Privatsache, auch wenn unsere Kultur so tut.
Und was heißt das für die Trauerfeier selbst?
Für mich als freie Trauerrednerin in Berlin, Potsdam und Brandenburg heißt es vor allem: Die Trauerfeier ist nicht das Ende des Abschieds, sondern sein Anfang. Sie kann der Moment sein, in dem eine Familie ihre eigene Form findet – ihr eigenes Ritual, das über den Tag hinausträgt. Das eine Lied, das von nun an ihres ist. Der Satz, den er immer gesagt hat und der jetzt am Ende jeder Familienfeier fallen wird. Die Kerze, die an jedem Geburtstag brennt.
Ich erlebe immer wieder, wie viel sich verändert, wenn Trauernde spüren: Wir dürfen das. Wir dürfen weinen und lachen, wir dürfen den Toten weiter zu uns gehören lassen, wir dürfen uns Zeit nehmen. Viele praktische Fragen rund um die Gestaltung eines solchen Abschieds beantworte ich übrigens in meinen FAQ zur Trauerfeier.
Und jetzt?
Ich denke oft an die Witwe von Weißensee. Wir haben damals noch lange gesprochen, unter dem Vordach der Trauerhalle, während der Nieselregen auf die Kastanienblätter fiel. Am Ende hat sie beschlossen, sieben Wochen nach der Beisetzung alle noch einmal einzuladen – zu Königsberger Klopsen, dem Leibgericht ihres Mannes. „Damit es nicht einfach vorbei ist“, sagte sie.
Sie wusste nichts von neunundvierzig Tagen und nichts vom Bardo. Sie hatte es einfach gespürt: dass Trauer Zeit braucht, Form, Gemeinschaft. Buddhistische Trauerrituale sind am Ende genau das – jahrhundertealte Antworten auf die Frage „Und jetzt?“. Wir müssen sie nicht kopieren. Aber wir dürfen uns von ihnen daran erinnern lassen, dass Abschiednehmen keine Angelegenheit von fünfundzwanzig Minuten ist.
Sondern von einem ganzen Leben, das weitergeht. Anders. Aber weiter.
Wenn ihr gerade vor einem Abschied steht und euch eine Trauerfeier wünscht, die Raum lässt für all das – für Tränen, Erinnerungen, vielleicht sogar ein Lächeln –, dann meldet euch gern bei mir. In einem unverbindlichen, kostenlosen Kennenlerngespräch finden wir gemeinsam heraus, welche Form eures Abschieds die richtige ist.
Veröffentlicht von Antje Peter | Freie Rednerin in Berlin, Potsdam & Brandenburg | Mehr über meine Arbeit als Trauerrednerin



