Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin
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Stellt euch einen Samstag im Juli vor, mitten in Berlin. Die Stadt ist bunt an diesem Tag, lauter als sonst, voller Musik und Glitzer und Menschen, die sich in den Armen liegen. Es ist Christopher Street Day, und wer schon einmal dabei war, kennt dieses besondere Gefühl: Hier darf jede und jeder so sein, wie sie oder er ist. Hier wird Liebe nicht erklärt, nicht gerechtfertigt, nicht versteckt. Hier wird sie gefeiert. Und dann, am Abend dieses Tages, dem 25. Juli 2026, geschieht etwas, das dieses Gefühl mit einem Schlag zerreißt. Ein Mann steuert im Tiergarten, nur wenige hundert Meter vom Veranstaltungsgelände entfernt, einen Kleinbus gezielt in Menschen. Eine Frau stirbt. Einunddreißig Menschen werden verletzt, einige von ihnen schwer. Aus einem Tag der Freude wird eine Nacht der Angst.

Ich schreibe diesen Beitrag, weil ich seit diesem Abend viel nachgedacht habe. Über Angst und über Liebe. Über die Frage, warum Menschen andere Menschen dafür hassen, wen sie lieben. Und über das, was ich als freie Rednerin bei jeder Hochzeit erlebe und was mir in diesen Tagen wichtiger erscheint denn je: dass es ein Geschenk ist, lieben zu dürfen, wen und wie wir wollen. Dass dieses Geschenk verteidigt werden muss. Und dass die schönste Verteidigung, die ich kenne, das Feiern ist – laut, sichtbar, gemeinsam, mit Ritualen, die uns Halt geben.

Was am 25. Juli 2026 in Berlin geschah

Zu den Fakten, so nüchtern sie sich auch anfühlen mögen. Am Abend des 25. Juli 2026, nach der Abschlusskundgebung des Berliner Christopher Street Day, fuhr ein 21-jähriger Mann mit einem weißen Kleinbus im Großen Tiergarten gezielt in Menschen und griff anschließend Passanten mit einer Stichwaffe an. Wie der Wikipedia-Artikel zum Anschlag dokumentiert, starb dabei eine 65-jährige Frau aus Warschau, die mit ihrer Tochter zum CSD nach Berlin gereist war. Einunddreißig Menschen wurden verletzt, drei von ihnen lebensbedrohlich. Der mutmaßliche Täter, ein als islamistischer Gefährder eingestufter Mann, wurde einen Tag später bei einem Festnahmeversuch von der Polizei erschossen. Polizei und Staatsanwaltschaft Berlin hatten zuvor öffentlich nach ihm gefahndet. Die Ermittler gehen von einem islamistisch motivierten Terroranschlag aus, der sich gezielt gegen den CSD und damit gegen queere Menschen richtete.

Ich schreibe diese Zeilen nicht, um Angst zu schüren. Ich schreibe sie, weil ich glaube, dass wir hinschauen müssen, bevor wir weitergehen können. Eine Frau ist gestorben, weil sie an einem Tag der Liebe dabei sein wollte. Menschen wurden verletzt, weil sie gefeiert haben. Das ist die Wahrheit, und sie tut weh. Aber sie ist nicht die ganze Wahrheit. Denn was danach geschah, erzählt eine zweite Geschichte – und die ist mindestens genauso wichtig.

Die Antwort einer Stadt: Liebe ist stärker als der Hass

Noch am Abend nach der Tat leuchtete das Brandenburger Tor in Regenbogenfarben. Tausende Menschen kamen dort zusammen, um der Opfer zu gedenken und ihre Solidarität mit der queeren Community zu zeigen. Wie deutschland.de in einem Überblick zusammenfasst, hissten Rathäuser, Kirchen, Kulturinstitutionen und Vereine im ganzen Land Regenbogenflaggen, in der Berliner St. Marienkirche fand eine ökumenische Gedenkandacht statt, und Bundeskanzler Friedrich Merz sagte den Satz: „Wir sind mehr, wir sind stärker, und wir halten in unserem Land zusammen.“

Gut eine Woche später luden queere Verbände zu einer Mahnwache am Tatort im Tiergarten ein. Rund eintausend Menschen kamen. Die taz berichtet, dass an diesem Abend ganz unterschiedliche Gefühle Platz hatten – Tränen, Trauer, Wut – und dass viele gemeinsam riefen: „Liebe ist stärker als der Hass!“ Genau darin liegt für mich der Kern dieser Tage. Der Tagesspiegel berichtet zudem, dass die Community bei dieser Mahnwache nicht bei der Trauer stehenblieb, sondern politische Forderungen formulierte – etwa die ausdrückliche Aufnahme des Schutzes queerer Menschen in Artikel 3 des Grundgesetzes. Trauer und Haltung, Schmerz und Aufbruch, beides zugleich. Das ist keine Schwäche. Das ist Stärke in ihrer ehrlichsten Form.

Und noch etwas hat mich in diesen Tagen berührt. In Gesprächen, die die taz mit Menschen aus der Community geführt hat, wird deutlich, wie tief der Schock sitzt – und wie schnell die Menschen trotzdem wieder aufeinander zugegangen sind. Sie haben sich geschrieben, sich vergewissert, dass alle in Sicherheit sind, sich getroffen, geweint, geredet. Sie haben genau das getan, was Gemeinschaften seit Jahrtausenden tun, wenn das Unfassbare geschieht: Sie haben sich versammelt. Und damit sind wir mitten in dem Thema, das mich als Rednerin Tag für Tag beschäftigt.

Warum wir Rituale brauchen, wenn die Welt aus den Fugen gerät

Ich begleite Menschen an den beiden großen Wendepunkten des Lebens – bei der Hochzeit und beim Abschied. Und wenn mich meine Arbeit eines gelehrt hat, dann dies: Rituale sind keine Dekoration. Sie sind das Geländer, an dem wir uns festhalten, wenn der Boden schwankt. Eine Mahnwache ist ein Ritual. Kerzen und Blumen an einem Tatort sind ein Ritual. Ein Tor, das in Regenbogenfarben leuchtet, eine Schweigeminute, ein gemeinsamer Ruf in die Nacht – all das sind Rituale. Sie verwandeln ohnmächtige Einzelne in eine handelnde Gemeinschaft. Sie geben dem Schmerz eine Form, damit er uns nicht formlos überrollt.

Das gilt für die Trauer, und es gilt genauso für die Freude. Denn auch eine Hochzeit ist im Kern nichts anderes: ein Ritual, das etwas Unsichtbares sichtbar macht. Die Liebe zwischen zwei Menschen existiert ja längst, bevor sie heiraten. Aber im Moment der Trauung wird sie ausgesprochen, bezeugt, gefeiert – vor den Menschen, die zu diesem Paar gehören. Aus einem privaten Gefühl wird ein öffentliches Versprechen. Und genau deshalb glaube ich, dass Hochzeiten in Zeiten wie diesen mehr sind als schöne Feste. Sie sind eine Antwort. Wer nach einem Anschlag auf ein Fest der Liebe weiter Feste der Liebe feiert, sagt damit etwas. Ohne Parole, ohne Transparent, einfach durch das Feiern selbst: Wir lassen uns die Liebe nicht nehmen. Nicht die Liebe, nicht die Sichtbarkeit, nicht die Freude.

Lieben dürfen, wen und wie wir wollen – eine junge Freiheit

Es lohnt sich, kurz innezuhalten und sich klarzumachen, wie jung diese Freiheit eigentlich ist. Dass zwei Männer oder zwei Frauen in Deutschland heiraten können, ist erst seit Oktober 2017 möglich. Dass männliche Homosexualität nicht mehr strafbar ist, erst seit wenigen Jahrzehnten. Ich habe die Geschichte dieses langen Weges in meinem Beitrag über queere Hochzeiten und das, was sie so besonders macht, ausführlich nachgezeichnet – von den Anfängen des Kampfes um die Ehe für alle bis zu den Ritualen, die queere Paare heute für ihre Zeremonien erfinden. Deshalb wiederhole ich sie hier nicht. Aber ich möchte einen Gedanken daraus weiterdenken, weil er nach dem 25. Juli eine neue Dringlichkeit bekommen hat.

Freiheiten, die erkämpft wurden, können auch wieder verloren gehen. Das ist keine abstrakte Warnung, das ist eine historische Erfahrung. Und ein Anschlag wie der auf den CSD zielt genau darauf: Er will, dass Menschen sich zurückziehen. Dass sie sich nicht mehr an der Hand halten auf der Straße. Dass sie zweimal überlegen, ob sie zur Parade gehen, ob sie ihre Hochzeit groß feiern, ob sie sichtbar sind. Angst ist die Währung des Terrors. Und deshalb ist jede sichtbare, gefeierte, strahlende Liebe eine Abwertung dieser Währung. Queer is stronger than fear – das ist für mich kein Slogan, sondern eine Beobachtung. Ich habe es am Brandenburger Tor gesehen, ich habe es im Tiergarten gesehen, und ich sehe es bei jeder Trauung, die ich begleiten darf: Menschen, die sich entscheiden, ihre Liebe nicht zu verstecken, sind stärker als die Angst, die man ihnen machen will.

Die Hochzeit als Akt des Mutes

Vielleicht klingt das pathetisch, und ihr wisst ja: Ich mag keinen Kitsch und kein Pathos. Also lasst es mich konkret machen. Wenn zwei Menschen heiraten, tun sie etwas zutiefst Mutiges – und zwar alle Paare, nicht nur queere. Sie sagen vor Zeugen: Ich binde mich. Ich verspreche etwas, obwohl ich die Zukunft nicht kenne. Ich mache mich verletzlich, weil ich einem anderen Menschen mein Ja gebe. In einer Welt, die uns täglich vorrechnet, wie unsicher alles ist, ist dieses Versprechen ein Akt des Vertrauens gegen alle Wahrscheinlichkeit. Das ist der Grund, warum bei Trauungen so viele Menschen weinen, auch die, die sich das vorher nicht vorstellen konnten. Es ist nicht die Deko. Es ist der Mut, der da vorne sichtbar wird.

Bei queeren Paaren kommt eine Schicht hinzu. Ihr Ja-Wort trägt eine Geschichte in sich, die weit über das Persönliche hinausgeht – die Geschichte all derer, die dieses Ja nie sprechen durften. Wenn ich als Traurednerin vor einem queeren Paar stehe, spüre ich das jedes Mal: diese besondere Mischung aus Leichtigkeit und Gewicht, aus Feier und Errungenschaft. Und seit dem 25. Juli spüre ich noch etwas anderes. Ich spüre, dass dieses Ja auch eine Antwort ist. Eine Antwort an alle, die queere Menschen unsichtbar machen wollen, mit Worten oder mit Gewalt. Jede queere Hochzeit, die in diesem Sommer und in den kommenden Jahren gefeiert wird, sagt: Wir sind hier. Wir lieben. Und wir feiern das – erst recht jetzt.

Dabei will ich ehrlich bleiben, denn auch das gehört zur Wahrheit: Niemand ist verpflichtet, seine Hochzeit als politisches Statement zu verstehen. Manche Paare wollen genau das nicht – sie wollen einfach heiraten, so wie alle anderen auch, ohne Botschaft, ohne Symbolkraft, ohne Auftrag. Auch das ist eine Form von Freiheit, vielleicht sogar die schönste: dass eine queere Hochzeit einfach eine Hochzeit sein darf. Ein Fest zweier Menschen, die sich lieben. Punkt. Meine Aufgabe als Rednerin ist es, herauszuhören, was ein Paar sich wünscht – und dann eine Zeremonie zu gestalten, die genau dazu passt. Mit so viel Haltung oder so viel Leichtigkeit, wie es sich für dieses eine Paar richtig anfühlt.

Rituale gegen die Angst: Was eine Zeremonie leisten kann

Kommen wir zu den Ritualen selbst, denn hier wird es praktisch. In der Planung einer freien Trauung frage ich Paare immer: Welche Rituale passen zu euch? Und in den Gesprächen der letzten Wochen habe ich gemerkt, dass diese Frage gerade für queere Paare, aber nicht nur für sie, eine neue Färbung bekommen hat. Viele wünschen sich Rituale, die Gemeinschaft stiften. Nicht das Paar allein im Zentrum, sondern das Paar getragen von seinen Menschen. Das kann ein Ringwärmungsritual sein, bei dem die Eheringe durch die Reihen der Gäste wandern und jede und jeder ihnen einen stillen Wunsch mitgibt, bevor sie an die Hände des Paares kommen. Es kann ein gemeinsames Versprechen der Gäste sein – die Frage an alle Anwesenden, ob sie dieses Paar auf seinem Weg begleiten und beschützen wollen, beantwortet mit einem vielstimmigen Ja. Es kann ein Lichterritual sein, bei dem aus vielen einzelnen Flammen ein gemeinsames Licht wird.

Warum erzähle ich das? Weil solche Rituale genau das leisten, was wir nach einem Ereignis wie dem Anschlag auf den CSD brauchen: Sie machen erfahrbar, dass niemand allein ist. Dass hinter zwei Menschen, die sich das Ja-Wort geben, eine ganze Gemeinschaft steht – Familie, gewählte Familie, Freundinnen und Freunde, Verbündete. Eine Hochzeit, die so gestaltet ist, ist das genaue Gegenbild zu dem, was Terror erreichen will. Terror vereinzelt. Rituale verbinden. Terror sät Misstrauen. Rituale stiften Vertrauen. Terror will, dass wir uns verstecken. Eine Zeremonie unter freiem Himmel, vor aller Augen, mit Musik und Tränen und Jubel, ist das Sichtbarste, was zwei Menschen tun können.

Und noch etwas ist mir wichtig: Rituale dürfen auch das Schwere aufnehmen. Es ist völlig in Ordnung, wenn ein Paar in seiner Zeremonie einen Moment des Innehaltens wünscht – für die Menschen, die den Weg zur Freiheit der Liebe nicht mehr erleben durften, oder für die Opfer von Gewalt gegen queere Menschen. Eine Kerze, ein Satz, eine Minute Stille. Solche Momente machen eine Hochzeit nicht traurig. Sie machen sie wahr. Denn die Freude, die danach kommt, ist keine Freude, die wegschaut. Es ist eine Freude, die weiß, worauf sie steht – und die gerade deshalb so hell leuchtet.

Warum es so schön ist, dass wir lieben dürfen, wen und wie wir wollen

Bis hierhin habe ich viel darüber geschrieben, warum diese Freiheit wichtig ist. Aber der Titel dieses Beitrags verspricht mehr: dass sie auch schön ist. Und das ist sie, auf eine Weise, die ich in meiner Arbeit jede Woche erleben darf. Denn wo Liebe frei ist, wird sie vielfältig. Ich habe Paare getraut, die sich im Chor kennengelernt haben, auf einer Demo, im Krankenhaus, in einer Online-Rollenspielgruppe. Ich habe Zeremonien erlebt mit zwei Bräuten, mit zwei Bräutigamen, mit Menschen, die sich in keiner dieser Kategorien wiederfinden und ihre ganz eigene Rolle erfunden haben. Ich habe Hochzeiten begleitet, die leise waren wie ein Gebet, und andere, die klangen wie ein Straßenfest. Und jedes Mal, wirklich jedes Mal, war da dieser eine Moment, in dem zwei Menschen sich ansehen und alles andere unwichtig wird.

Dieser Moment fragt nicht nach Geschlecht. Er fragt nicht nach Herkunft, nicht nach Konvention, nicht nach dem, was andere für richtig halten. Er fragt nur: Willst du? Und die Antwort, dieses eine kleine Wort, ist in jeder Sprache und in jeder Konstellation gleich groß. Das ist die Schönheit, um die es geht. Eine Gesellschaft, in der alle Menschen diesen Moment erleben dürfen, ist reicher als eine, die ihn rationiert. Sie hat mehr Feste, mehr Geschichten, mehr Mut, mehr Zärtlichkeit im Alltag. Wer die Liebe befreit, beschenkt damit nicht nur die Liebenden. Er beschenkt alle.

Der Anschlag vom 25. Juli hat gezeigt, dass es Menschen gibt, die genau das nicht ertragen. Die Antwort darauf haben die Tausenden am Brandenburger Tor gegeben, die Eintausend im Tiergarten, die Menschen, die einander in den Tagen danach gehalten haben. Und die Antwort geben auch alle Paare, die in diesem Sommer heiraten – queer oder nicht –, alle Gäste, die mit ihnen feiern, alle, die bei der nächsten Parade wieder auf der Straße stehen werden. Die Angst hat an einem Abend im Juli laut geschrien. Die Liebe antwortet leiser, aber länger: mit jedem Ja-Wort, mit jedem Ritual, mit jedem Fest.

Was ich euch mitgeben möchte

Wenn ihr gerade eure Hochzeit plant und euch fragt, ob das in diesen Zeiten überhaupt angemessen ist – so viel Freude, so viel Feier, während anderswo getrauert wird –, dann möchte ich euch sagen: Ja. Gerade jetzt. Eure Hochzeit nimmt niemandem etwas weg. Im Gegenteil, sie fügt der Welt genau das hinzu, was sie braucht: einen Tag, an dem Liebe gewinnt. Und wenn ihr ein queeres Paar seid und euch fragt, ob ihr eure Trauung so sichtbar feiern wollt, wie ihr es euch erträumt habt, dann gilt dasselbe, nur doppelt. Ihr müsst nichts beweisen und niemandem etwas erklären. Aber wenn ihr feiern wollt, dann feiert. Laut oder leise, groß oder klein, mit Ritualen, die es schon gibt, oder mit solchen, die ihr neu erfindet. Es ist eure Liebe, euer Tag, eure Zeremonie.

Ich bin Antje, freie Rednerin in Berlin, und ich begleite euch dabei gern – mit einem echten Gespräch, mit Empathie für eure Geschichte und mit Worten, die zu euch passen. Wenn ihr wissen wollt, wie eine freie Trauung in Berlin aussehen kann, die wirklich eure ist, dann meldet euch einfach. Ich freue mich auf euch. Und ich freue mich auf jede einzelne Hochzeit, die in dieser Stadt noch gefeiert wird. Denn jede von ihnen erzählt dieselbe Geschichte, die stärkste, die wir haben: Queer is stronger than fear. Und Liebe ist stärker als der Hass.

Quellen