Von Antje Peter, freie Traurednerin in Berlin
Foto: (c) Antje Peter
Stellt euch folgende Szene vor. Zwei Frauen stehen auf einer Dachterrasse in Berlin-Mitte. Es ist ein Samstagnachmittag im Oktober. Die eine trägt einen cremefarbenen Jumpsuit, die andere ein tiefblaues Kleid. Keine Braut, kein Bräutigam. Keine tradierten Rollen, keine vorgezeichneten Wege. Nur zwei Menschen, die sich anschauen und wissen: Das hier gehört uns. Wir haben es uns erkämpft. Und jetzt feiern wir es, auf unsere Art.
Ich bin Antje, freie Traurednerin in Berlin. Ich begleite Paare durch eine der wichtigsten Zeremonien ihres Lebens – die Hochzeit. Und ich erlebe dabei immer wieder, dass queere Hochzeiten etwas haben, das mich als Rednerin und als Mensch besonders berührt. Nicht weil sie lauter sind, bunter oder spektakulärer als andere. Sondern weil hinter jedem queeren Ja-Wort eine Geschichte steckt, die über das Persönliche weit hinausgeht.
In diesem Beitrag möchte ich dieser Frage nachgehen: Was macht queere Hochzeiten so besonders? Was unterscheidet sie – in ihrer Geschichte, in ihrer Symbolik, in ihren Ritualen – von dem, was wir aus anderen Hochzeiten kennen? Und warum ist die freie Trauung für queere Paare oft nicht nur eine Option, sondern eine Notwendigkeit?
Ein kurzer Blick zurück: Der lange Weg zur Ehe für alle
Um zu verstehen, warum queere Hochzeiten etwas Besonderes sind, muss man verstehen, wie lange und mühsam der Weg dorthin war. Denn das Recht zu heiraten – einfach so, ohne Kampf, ohne Erklärung – ist für queere Menschen in Deutschland keine Selbstverständlichkeit. Es ist eine Errungenschaft.
Laut der Bundeszentrale für politische Bildung war männliche Homosexualität in Deutschland bis 1969 strafbar – der berüchtigte § 175 StGB, der in der NS-Zeit noch verschärft worden war und Männer mit dem rosa Winkel in die Konzentrationslager gebracht hatte, wurde erst 1994 vollständig aus dem Strafgesetzbuch gestrichen. Das ist keine ferne Geschichte. Das ist eine Generation her.
Der Kampf für rechtliche Anerkennung begann danach mit aller Kraft. Wie der Lesben- und Schwulenverband Deutschland (LSVD) dokumentiert, forderte der damalige Schwulenverband in Deutschland bereits 1990 die Öffnung der Ehe. 1992 bestellten rund 250 gleichgeschlechtliche Paare bundesweit auf Standesämtern das Aufgebot – eine symbolische Geste, die die Diskussion über das Recht auf Eheschließung endgültig in die Öffentlichkeit brachte. 2001 folgte mit dem Lebenspartnerschaftsgesetz ein erster Meilenstein: Gleichgeschlechtliche Paare durften erstmals eine rechtlich anerkannte Verbindung eingehen – aber eben nur eine Lebenspartnerschaft, keine Ehe. Ein Unterschied, der nicht nur juristisch, sondern zutiefst symbolisch war.
Am 30. Juni 2017 stimmte der Bundestag schließlich mit 393 zu 226 Stimmen für die Öffnung der Ehe. Das Statistische Bundesamt hält fest, dass seit dem Inkrafttreten der „Ehe für alle“ am 1. Oktober 2017 bis Ende 2021 über 65.600 gleichgeschlechtliche Ehen in Deutschland geschlossen wurden – mehr als 32.300 zwischen zwei Männern und knapp 33.300 zwischen zwei Frauen. Das sind echte Zahlen hinter echten Geschichten.
Was ich daran denke? Dass jede einzelne dieser Hochzeiten mehr ist als ein Standesamttermin. Sie ist ein Akt der Sichtbarkeit. Ein Versprechen, das für sich selbst steht – und gleichzeitig für alle, die es nicht mehr erleben konnten.
Warum queere Paare so oft die freie Trauung wählen
Wer eine queere Hochzeit plant, stößt schnell auf eine Frage, die für heterosexuelle Paare so nicht existiert: Wer traut uns überhaupt? Denn anders als bei gemischtgeschlechtlichen Paaren ist der Weg zur Trauzeremonie für queere Menschen mit einer Reihe von Hürden gepflastert, die nichts mit dem eigenen Wunsch zu heiraten zu tun haben, sondern mit den Strukturen der Institutionen, an die man sich wendet.
Die evangelische Kirche hat in vielen Landeskirchen die Trauung gleichgeschlechtlicher Paare inzwischen ermöglicht. Die Evangelische Kirche in Hessen und Nassau etwa hat die Gleichstellung seit 2013 verankert und die Segnung seit 2019 offiziell als Trauung anerkannt. Doch selbst in Landeskirchen, die grundsätzlich offen sind, dürfen einzelne Pfarrer*innen eine queere Trauung ablehnen – was bedeutet, dass queere Paare nicht nur einen Termin, sondern auch eine aufgeschlossene Person finden müssen. Das Hochzeitsportal WeddyBird beschreibt es treffend: allein aufgrund der Tatsache, dass eine Absage möglich ist, ist die Hürde für queere Paare höher. Die Möglichkeit der Ablehnung ist selbst schon eine Form der Ungleichbehandlung.
Die freie Trauung schließt diese Lücke. Sie ist in ihrer Natur inklusiv, weil sie keine Institution braucht, die entscheidet, ob eine Liebe trauungswürdig ist. Das Paar entscheidet, was in der Zeremonie vorkommt, welche Rituale gewählt werden, wer spricht, welche Musik gespielt wird, wo gefeiert wird und in welchem Rahmen. Diese Freiheit ist für viele queere Paare kein Kompromiss – sie ist das eigentliche Geschenk.
Als Traurednerin erlebe ich das immer wieder: Queere Paare kommen zu mir nicht trotz der freien Trauung, sondern wegen ihr. Weil sie sich einen Raum wünschen, in dem ihre Liebe nicht erklärt, nicht begründet und nicht verteidigt werden muss. Einen Raum, in dem sie einfach sind, wer sie sind.
Neue Rituale: Was entsteht, wenn man nicht auf Tradition zurückgreifen kann
Hier beginnt das Faszinierendste an queeren Hochzeiten. Denn wer nicht auf ein jahrhundertealtes Repertoire an Hochzeitsritualen zurückgreifen kann – oder es bewusst nicht möchte –, der muss etwas tun, das viel schwieriger ist als das Befolgen von Traditionen: Er muss entscheiden, was wirklich bedeutsam ist.
Die meisten Hochzeitsrituale, die wir kennen, tragen historisch heteronormative Vorannahmen in sich. Der Vater, der die Braut zum Altar führt – ein Ritual, das symbolisch den Übergang aus dem Herrschaftsbereich des Vaters in den des Ehemannes markierte. Das Brautkleid in Weiß – eine Erfindung des 19. Jahrhunderts, die mit Königin Victorias Hochzeit 1840 als Mode begann. Die Rollen von „Braut“ und „Bräutigam“ als unveränderliche Kategorien. Ein Schweizer Pfarrer, der jahrelang queere und heterosexuelle Trauungen geleitet hat, schreibt, dass gleichgeschlechtliche Trauungen eine besondere Chance bieten: Die Rollenmuster sind nicht geschichtlich vorgeprägt. Das ist eine Freiheit, die genutzt werden kann.
Und wie queere Paare diese Freiheit nutzen, das ist jedes Mal aufs Neue beeindruckend. Ich habe Zeremonien begleitet, in denen beide Partner gleichzeitig einzogen – nicht eine Person wartend, die andere gehend, sondern gemeinsam. Hochzeiten, bei denen die Ringe nicht von einem Ringkissen getragen wurden, sondern in einem Buch versteckt waren, das das Paar sich gegenseitig geschenkt hatte. Trauungen, bei denen statt der Brautsträuße Gegenstände ausgetauscht wurden, die die persönliche Geschichte des Paares erzählten.
Das sind keine aufgesetzten Gesten. Das sind echte Rituale – und ein echtes Ritual ist immer eines, das Bedeutung trägt. Die Bedeutung kommt nicht aus der Tradition, sondern aus der Entscheidung. Und diese Entscheidung bewusst zu treffen, das ist etwas, das queere Paare oft mit einer Klarheit tun, die andere Paare sich manchmal erst erarbeiten müssen.
Das Outfit: Wenn es keine Rolle spielt, wer was trägt
Eines der praktischsten und gleichzeitig symbolisch aufgeladensten Felder bei queeren Hochzeiten ist die Kleidungsfrage. Was zieht man an? Wer trägt was? Und warum sollte das eigentlich geregelt sein?
Bei heterosexuellen Hochzeiten ist die Erwartung oft noch klar strukturiert: Brautkleid hier, Anzug da. Auch wenn viele Paare diese Erwartung heute bewusst brechen, ist die Ausgangslage eine andere. Queere Paare stehen vor einer leeren Seite – und das kann befreiend und gleichzeitig erschöpfend sein. Denn wenn es keine Schablone gibt, müssen alle Entscheidungen selbst getroffen werden.
Ich erlebe Paare, die beide Kleider tragen – in völlig verschiedenen Stilen, weil sie eben verschiedene Menschen sind und das sichtbar machen wollen. Paare, die beide Anzüge tragen, mit demselben Schnitt und unterschiedlichen Farben. Paare, die sich für Outfits entschieden haben, die keine geschlechtlichen Konnotationen tragen – weite Hosen, Blazer, Accessoires, die einfach ihnen gehören. Und gelegentlich begegnen mir Paare, die ganz bewusst eine klassische Braut-Bräutigam-Optik wählen – nicht weil sie Schablonen lieben, sondern weil diese Optik für sie persönlich bedeutsam ist und sie sie sich aneignen wollen.
Das ist die eigentliche Botschaft: Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nur das, was zu euch passt. Und das herauszufinden, das ist eine der wertvollsten Aufgaben in der Hochzeitsplanung – nicht nur für queere Paare, aber für queere Paare besonders.
Die Gästeliste: Gewählte Familie und echte Verbündete
Es gibt ein Konzept, das in queeren Gemeinschaften eine ganz besondere Bedeutung hat: die gewählte Familie. Die Menschen, die man sich aussucht, weil man sich bei ihnen zuhause fühlt – unabhängig davon, ob man mit ihnen blutsverwandt ist. Für viele queere Menschen ist diese gewählte Familie die tragende Gemeinschaft ihres Lebens, weil die Herkunftsfamilie nicht immer der Ort war oder ist, an dem sie so sein konnten, wie sie sind.
Das spiegelt sich auf queeren Hochzeiten auf eine Art wider, die mich als Rednerin jedes Mal neu berührt. Die Gästeliste ist oft eine sehr bewusste Entscheidung. Nicht „Wir müssen Tante Inge einladen, weil sie sonst beleidigt ist“, sondern: „Wer war wirklich für uns da? Wer hat uns gesehen, als wir noch nicht gesehen wurden?“ Das ergibt manchmal kleinere Feiern, manchmal größere. Aber es ergibt immer Feiern, auf denen die Menschen, die da sind, wirklich da sind.
Gleichzeitig ist die Gästeliste einer queeren Hochzeit manchmal auch komplizierter als man sich das wünschen würde. Es gibt Familien, die noch nicht ganz angekommen sind. Verwandte, die kommen, aber die Hände nicht so frei haben, wie man es sich erhoffen würde. Und manchmal auch die bewusste Entscheidung, bestimmte Menschen nicht einzuladen – weil der eigene Hochzeitstag kein Ort der Arbeit sein soll, nicht der Ort, an dem man die eigene Lebensweise erklärt.
Als Traurednerin begleite ich diese Überlegungen sehr bewusst. Welche Geschichte erzählen wir in der Rede? Wen erwähnen wir, wen nicht? Wie sprechen wir über Familie – und welchen Familienbegriff legen wir der Zeremonie zugrunde? Das sind Fragen, die ich mit jedem Paar bespreche. Und bei queeren Paaren haben diese Gespräche oft eine besondere Tiefe.
Die Sprache der Zeremonie: Wenn Worte wirklich zählen
Ich bin jemand, der an die Kraft von Worten glaubt. Das war schon so, als ich noch Bücher übersetzte – aus dem Französischen und Italienischen –, und es ist so geblieben, seitdem ich Reden schreibe. Mark Twain hat es einmal auf den Punkt gebracht: Der Unterschied zwischen dem richtigen Wort und dem fast richtigen ist der Unterschied zwischen Blitz und Glühwürmchen. Ich suche den Blitz.
Bei queeren Hochzeiten ist die Sprache der Zeremonie besonders bedeutsam. Denn die Sprache, die wir für Hochzeiten haben, ist historisch oft auf Braut und Bräutigam zugeschnitten. Auf „Er und Sie“. Auf Rollen, die gar nicht zu dem Paar passen, das vor mir steht. Als Rednerin ist es meine Aufgabe, eine Sprache zu finden, die das Paar abbildet – nicht eine Schablone, in die das Paar gezwängt wird.
Das bedeutet: keine generischen Passagen, in denen plötzlich geschlechtsneutrale Formulierungen holprig wirken, weil sie erst im letzten Moment eingefügt wurden. Keine Rede, die anfängt wie eine Vorlage und dann notdürftig angepasst ist. Sondern eine Rede, die von Anfang an für diese beiden Menschen geschrieben ist – mit ihrer Geschichte, ihrer Sprache, ihrer Art zu denken und zu lieben.
Ich erlebe, dass dieser Anspruch an queeren Hochzeiten besonders sichtbar wird – weil das Paar ihn oft selbst mitbringt. Queere Paare haben eine besondere Wachheit für Sprache, weil sie jahrelang gelernt haben, Sprache zu dekodieren: Was meint jemand wirklich, wenn er bestimmte Worte benutzt? Ist dieser Mensch wirklich aufgeschlossen, oder ist es nur eine Fassade? Diese Wachheit übertragen sie auf die Zeremonie. Und das macht die gemeinsame Vorbereitung zu einem besonders ehrlichen, genauen Gespräch.
Rituale neu denken: Was queere Hochzeiten der gesamten Hochzeitskultur geben
Ich möchte an dieser Stelle eine These aufstellen, die mir wichtig ist: Queere Hochzeiten sind kein Nischenphänomen. Sie sind ein Laboratorium. Ein Ort, an dem Rituale neu gedacht werden – und wo diese neu gedachten Rituale dann auch für andere Paare relevant werden.
Wenn ein gleichgeschlechtliches Paar sich fragt, wie es den Einzug gestaltet – ohne die Vorannahme, dass eine Person wartet und die andere kommt –, dann stellt es eine Frage, die eigentlich für alle Paare interessant ist: Was wollen wir mit diesem Moment sagen? Einzug gemeinsam oder getrennt? Begleitet von wem? Mit welcher Musik? Diese Fragen sind universell. Queere Paare stellen sie nur oft bewusster, weil sie keine Schablone haben, die ihnen die Antwort vorwegnimmt.
Dasselbe gilt für die Gelübde. Die klassischen Eheversprechen sind schön, aber sie sind auch alt. Sie sind für eine Zeit geschrieben, in der Ehe andere Bedeutungen hatte. Viele queere Paare schreiben ihre Versprechen selbst – und das, was dabei entsteht, ist oft das Berührendste, was ich in einer Zeremonie erlebe. Nicht weil es perfekt formuliert ist, sondern weil es wahr ist. Weil man hört, dass jemand tatsächlich nachgedacht hat: Was verspreche ich? Was halte ich für möglich? Was ist mir wirklich wichtig?
Wie die Traurednerin und Autorin bei Aus 2 mach 1 beschreibt, sind freie Trauungen für queere Paare eine besonders geeignete Form, weil sie erlauben, eigene Symbole, eigene Sprache und eigene Rituale zu schaffen – ganz nach den Vorstellungen des Paares, ohne institutionelle Einschränkungen. Das ist kein Trost. Das ist ein Angebot.
Und dieses Angebot nehmen queere Paare an – mit einer Kreativität und Entschlossenheit, die mich immer wieder inspiriert. Ich habe Zeremonien erlebt, in denen Pflanzen gepflanzt wurden – als Symbol dafür, dass die Ehe etwas Lebendes ist, das Pflege braucht. Rituale, bei denen Briefe an das zukünftige Selbst geschrieben und versiegelt wurden. Zeremonien, bei denen Freunde und Familie aktiv einbezogen wurden – nicht als Kulisse, sondern als Teilnehmende. Und ich habe erlebt, wie diese Ideen dann auch Eingang fanden in die Hochzeiten anderer Paare, die davon erfahren hatten.
Die Last des historischen Moments: Wenn eine persönliche Feier politisch ist
Es gibt etwas, das ich in Gesprächen mit queeren Paaren immer wieder höre – und das ich wichtig finde, ehrlich zu benennen: Die eigene Hochzeit als politischen Moment zu erleben, kann eine Last sein.
Wer heiratet, weil er oder sie heiraten will, und dabei das Gefühl hat, dass die Hochzeit stellvertretend für eine ganze Community steht – das kann erschöpfend sein. Manche Paare beschreiben, dass sie bei der Planung immer wieder das Gefühl hatten, etwas beweisen zu müssen. Dass die Hochzeit nicht nur schön sein soll, sondern auch richtig, auch repräsentativ, auch würdig. Dass Gäste kommen, die vielleicht nicht ganz mitgehen – und dass man ihnen gegenüber irgendwie auch Botschafter sein soll.
Das ist keine Einbildung. Es ist eine reale Erfahrung vieler queerer Paare. Und ich finde, es ist wichtig, das anzuerkennen, statt es wegzulächeln.
Gleichzeitig erlebe ich, dass viele Paare einen Weg finden, mit dieser Last umzugehen. Indem sie sich erlauben, die Hochzeit für sich selbst zu feiern – nicht für die Community, nicht für die Geschichte, nicht als Statement. Sondern als das, was eine Hochzeit in ihrer ursprünglichsten Form ist: ein Versprechen zweier Menschen, das von ihren nächsten Menschen bezeugt wird. Mehr nicht. Aber auch nicht weniger.
Als Traurednerin ist es mir ein Anliegen, genau diesen Raum zu schaffen. Einen Raum, in dem die persönliche Geschichte des Paares im Mittelpunkt steht – nicht die politische Geschichte, nicht das gesellschaftliche Gewicht, das auf dem Ja-Wort lastet. Die politische Bedeutung ist real. Aber an eurem Hochzeitstag sollt ihr zuerst ihr selbst sein dürfen – und erst danach alles andere.
Der Moment selbst: Was ich als Rednerin erlebe
Ich möchte noch von einem Moment erzählen, den ich bei queeren Hochzeiten immer wieder erlebe – und der schwer in Worte zu fassen ist, aber für mich das Wesen dieser Feiern am besten beschreibt.
Es ist der Moment, kurz bevor die Zeremonie beginnt. Die Gäste sitzen, die Musik setzt ein, und das Paar zieht ein. Dieser Moment hat bei allen Hochzeiten etwas Magisches. Aber bei queeren Hochzeiten liegt noch etwas anderes darin. Eine Art von Stille, die sich anfühlt wie ein langer, angehaltener Atem – der jetzt endlich losgelassen wird.
Ich habe das mit dem Konzept der gewählten Familie zu erklären versucht. Ich habe es mit der Geschichte verbunden, die hinter dem Recht zu heiraten steckt. Aber eigentlich ist es einfacher als das. Es ist das Gefühl von: Wir sind hier. Wir dürfen das. Und alle hier wissen, was das bedeutet.
Das ist der Grund, warum ich queere Hochzeiten mit einer besonderen Aufmerksamkeit begleite. Nicht weil sie komplizierter wären als andere. Nicht weil das Paar mehr Erklärung brauchte oder ich mehr Arbeit hätte. Sondern weil der Moment, auf den wir hinarbeiten – das Ja, das in die Luft gesprochen wird – bei queeren Hochzeiten manchmal eine besondere Schwere und gleichzeitig eine besondere Leichtigkeit hat. Eine Leichtigkeit, die erkämpft wurde. Und die deshalb anders klingt.
Was ich euch mitgeben möchte
Wenn ihr euch als queeres Paar eine freie Trauung wünscht, dann möchte ich euch eines sagen: Ihr müsst eure Hochzeit nicht begründen. Nicht gegenüber mir, nicht gegenüber euren Gästen, nicht gegenüber irgendjemandem. Ihr dürft einfach heiraten wollen – und das feiern wollen, auf eine Weise, die zu euch passt.
Ihr dürft Traditionen übernehmen, die euch etwas bedeuten. Ihr dürft Traditionen ablehnen, die nicht zu euch passen. Ihr dürft neue Rituale erfinden, die es so noch nicht gab – oder alte neu deuten, so dass sie für euch stimmen. Es gibt kein Richtig und kein Falsch. Es gibt nur das, was ehrlich ist.
Was ich als Traurednerin in Berlin tue, ist genau das: Ich frage nach. Ich höre zu. Und dann finde ich die Worte, die zu eurer Geschichte passen. Nicht zu irgendeiner Geschichte, nicht zu einer Vorlage, nicht zu einem Bild von einer Hochzeit, das jemand anderes entworfen hat. Zu eurer Geschichte. Die so einzigartig ist wie ihr selbst.
Dass das möglich ist – dass queere Paare in Deutschland heute heiraten können, freie Trauungen feiern können, ihre Rituale selbst gestalten können –, das ist kein Selbstverständnis. Es ist ein Geschenk, für das viele gekämpft haben. Und es verdient gefeiert zu werden. Laut. Mit Herz. Mit Worten, die bleiben.
Wenn ihr mehr über meine Arbeit als Traurednerin in Berlin erfahren möchtet oder neugierig seid, wie eine freie Trauung aussehen kann, die wirklich zu euch passt, dann schaut hier vorbei oder schreibt mir einfach. Ich freue mich, von euch zu hören. Lest auch gerne, was ich über Hochzeitsrituale in Italien und über die freie Trauung als Form unserer Zeit geschrieben habe.
Antje Peter · Freie Rednerin in Berlin · antje-peter.de
Quellen: Bundeszentrale für politische Bildung · LSVD – 30 Jahre Kampf für die Ehe für alle · Statistisches Bundesamt · Evangelische Kirche in Hessen und Nassau (EKHN) · Mannschaft Magazin · Aus 2 mach 1



