Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin
Foto: © Antje Peter
Es ist ein Tag im Oktober, kurz nach neun. Ich stehe am Rand eines Waldstücks südlich von Berlin, der Nebel hängt noch zwischen den Kiefern, und irgendwo über mir arbeitet sich ein Specht an einem toten Ast ab. Gleich werden etwa dreißig Menschen diesen Weg entlangkommen, hinter einem Förster her, der die Urne trägt. Keine Kapelle, keine Orgel, kein Kies, der unter schwarzen Schuhen knirscht. Nur Waldboden, der jeden Schritt schluckt.
Die Frau, von der wir uns an diesem Morgen verabschieden, hatte sich ihren Baum selbst ausgesucht. Eine Buche, nicht die größte, nicht die gerade gewachsenste. „Die mit dem Knick“, hatte sie zu ihrer Tochter gesagt, „die hat auch was mitgemacht.“ Diesen Satz habe ich in meine Rede aufgenommen. Er sagte mehr über sie als jeder Lebenslauf.
Als die Urne in der Erde war, blieb die Familie noch lange stehen. Niemand wollte gehen. Und ich dachte: Genau darum geht es. Nicht um einen Trend. Um einen Ort, an dem man bleiben mag.
Was eine Waldbestattung ist – und was sie nicht ist
Eine Waldbestattung, oft auch Baumbestattung genannt, bedeutet: Die Asche eines verstorbenen Menschen wird in einer biologisch abbaubaren Urne an den Wurzeln eines Baumes beigesetzt – in einem eigens dafür ausgewiesenen Bestattungswald. Solche Wälder sind rechtlich ganz normale Friedhöfe, nur eben ohne Mauern, ohne Grabsteine, ohne Wechselbepflanzung. Der Baum selbst ist das Grabmal. Meist erinnert nur ein kleines Namensschild am Stamm daran, wer hier ruht – manche Menschen wünschen sich nicht einmal das.
Was die Waldbestattung nicht ist: eine anonyme Bestattung. Das wird oft verwechselt. Die Angehörigen wissen genau, wo ihr Mensch liegt. Sie können hingehen, so oft sie möchten, an jedem Tag des Jahres. Nur sieht der Ort eben nicht aus wie ein Grab, sondern wie das, was er ist: ein Stück Wald.
Die Idee ist übrigens jünger, als viele denken. Sie stammt von dem Schweizer Ueli Sauter, der in den Neunzigerjahren einem Freund dessen Wunsch erfüllen wollte, unter einem Baum begraben zu werden. 2001 eröffnete im hessischen Reinhardswald der erste deutsche Bestattungswald. Heute, gut zwei Jahrzehnte später, gibt es bundesweit über zweihundert solcher Wälder – die beiden größten Anbieter sind FriedWald und RuheForst, dazu kommen kommunale und kirchliche Waldfriedhöfe. Auch rund um Berlin, in Brandenburg, finden sich mehrere Bestattungswälder, etwa in der Parforceheide bei Potsdam oder im Mühlenbecker Land nördlich der Stadt.
Warum entscheiden sich immer mehr Menschen für den Wald?
Die Zahlen sind eindeutig. Die Verbraucherinitiative Bestattungskultur Aeternitas lässt regelmäßig erheben, wie sich die Deutschen ihre eigene Bestattung wünschen. Das Ergebnis: Wünschten sich 2004 noch fast vier von zehn Befragten ein klassisches Sarggrab auf dem Friedhof, ist es heute nur noch gut jeder Zehnte. Die Beisetzung im Bestattungswald dagegen steht mit rund einem Viertel der Nennungen inzwischen ganz oben auf der Wunschliste. Ganz oben. Vor dem Friedhof, auf dem unsere Großeltern liegen.
Das ist eine stille Revolution der Bestattungskultur. Und wie bei den meisten Revolutionen lohnt es sich, genauer hinzuschauen, was sie eigentlich antreibt.
In meinen Vorgesprächen – ich sitze ja oft mit Angehörigen am Küchentisch, zwischen Kaffeetassen und Fotoalben – höre ich im Kern immer wieder drei Beweggründe.
Die Sehnsucht nach Natur
„Er war sowieso nie im Haus zu halten.“ – „Sie hat jeden Sonntag ihre Runde durch den Grunewald gedreht, bei jedem Wetter.“ Sätze wie diese fallen fast immer, wenn eine Familie sich für den Wald entschieden hat. Für Menschen, die ihr Leben lang draußen waren, fühlt sich ein Grab unter Bäumen schlicht stimmiger an als ein gepflastertes Feld. Der Wald ist kein Symbol für den Tod. Er ist ein Symbol fürs Weiterleben: Es wächst, es raschelt, es ändert sich mit jeder Jahreszeit.
Die Entlastung der Angehörigen
Der zweite Grund ist praktischer, und er wird oft fast verschämt ausgesprochen: „Ich will niemandem zur Last fallen.“ Ein klassisches Grab verlangt Pflege – gießen, pflanzen, Unkraut zupfen, über Jahre, manchmal Jahrzehnte. Wer aber lebt heute noch dort, wo er geboren wurde? Die Tochter in Hamburg, der Sohn in München, das Grab in Brandenburg: Diese Rechnung geht für viele Familien nicht mehr auf. Im Bestattungswald übernimmt die Natur die Grabpflege. Das ist keine Bequemlichkeit, wie manchmal etwas spitz behauptet wird. Es ist oft ein letzter Liebesdienst: Ich möchte, dass ihr an mich denkt – nicht, dass ihr euch verpflichtet fühlt.
Der Abschied von der Konvention
Und schließlich: Immer weniger Menschen sind kirchlich gebunden, immer mehr wünschen sich einen Abschied, der zu ihrem Leben passt statt zu einem Formular. Dass mittlerweile deutlich mehr als zwei Drittel der Verstorbenen in Deutschland eingeäschert werden, gehört zu dieser Entwicklung. Die Waldbestattung ist Teil einer größeren Bewegung: weg vom Vorgegebenen, hin zum Eigenen. Als freie Trauerrednerin erlebe ich diese Bewegung jeden Tag – sie ist der Grund, warum es meinen Beruf überhaupt gibt.
Wie läuft eine Trauerfeier im Wald ab?
Vielleicht fragt ihr euch, wie so ein Abschied konkret aussieht. Anders als auf dem Friedhof – und zugleich vertrauter, als viele erwarten.
Meist beginnt die Feier an einem Andachtsplatz am Waldrand: ein paar Holzbänke, manchmal ein schlichtes Kreuz oder ein Findling, darüber nichts als Baumkronen. Hier halte ich die Trauerrede, hier wird Musik gespielt – oft von einer mobilen Box, manchmal von einem Musiker, der mitgekommen ist; ich habe schon ein Cello zwischen Kiefern gehört, und ich kann euch sagen: Kein Konzertsaal der Welt klingt so. Danach geht die Trauergemeinde gemeinsam zum Baum. Dieser Weg, dieses langsame Gehen hintereinander auf weichem Boden, ist für viele der bewegendste Moment. Er hat etwas von einer alten Prozession und ist doch ganz unfeierlich: Man stolpert über Wurzeln, man hakt sich unter, man flüstert.
Am Baum wird die Urne beigesetzt. Statt Erde streuen die Trauernden oft Laub, Tannenzapfen oder Blütenblätter ins Grab. Und dann bleibt man. Steht. Schweigt. Hört dem Wald zu, der einfach weitermacht – und genau darin liegt sein Trost.
Jean Paul hat einmal geschrieben, die Erinnerung sei das einzige Paradies, aus dem wir nicht vertrieben werden können. Im Wald habe ich manchmal das Gefühl, dieses Paradies hat eine Adresse bekommen.
Was ihr wissen solltet, bevor ihr euch entscheidet
Bei aller Zuneigung zu dieser Bestattungsform: Es gibt ein paar Dinge, die ihr nüchtern bedenken solltet.
- Eine Waldbestattung setzt eine Einäscherung voraus. Erdbestattungen im Sarg sind in Bestattungswäldern nicht möglich. Wer sich eine Sargbeisetzung wünscht, für den ist der Wald keine Option.
- Der Ort hat seine eigenen Regeln. Kein Grabschmuck, keine Kerzen, keine gepflanzten Blumen – der Wald soll Wald bleiben. Für manche ist genau das die Erlösung, für andere fehlt etwas: das Hinknien am Grab, das Gießen, das Tun mit den Händen. Trauer braucht bei vielen Menschen eine Tätigkeit. Fragt euch ehrlich, zu welcher Sorte ihr gehört.
- Die Erreichbarkeit. Bestattungswälder liegen naturgemäß nicht an der U-Bahn. Für eine achtzigjährige Witwe ohne Auto kann der Weg zum Baum beschwerlicher sein als der zum Friedhof um die Ecke – und Waldwege sind keine gepflasterten Alleen.
- Die Kosten. Ein einzelner Platz an einem Gemeinschaftsbaum ist oft günstiger als ein klassisches Grab samt jahrzehntelanger Pflege; ein ganzer Familienbaum kann dagegen mehrere tausend Euro kosten. Vergleicht in Ruhe – seriöse, unabhängige Informationen findet ihr etwa bei Aeternitas.
- Zu Lebzeiten aussuchen ist möglich – und oft ein Geschenk. Viele Wälder bieten kostenlose Führungen an. Ich habe Paare erlebt, die von der Auswahl „ihres“ Baumes erzählten wie von einem gemeinsamen Ausflug. Es war einer.
Ist ein Abschied im Wald weniger würdevoll? Ein Klischee – und was wirklich zählt
Manchmal begegnet mir noch die Sorge, eine Bestattung ohne Grabstein, ohne Kapelle, ohne schwarzen Marmor sei irgendwie „weniger“. Weniger feierlich, weniger ernsthaft, weniger würdevoll. Ich kann diese Sorge verstehen, denn wir alle tragen Bilder davon in uns, wie Abschied auszusehen hat.
Aber Würde entsteht nicht aus Marmor. Würde entsteht, wenn ein Abschied wahrhaftig ist. Wenn die Rede von dem Menschen erzählt, der er wirklich war – mit seinem Knick, wie die Buche. Wenn die richtige Musik spielt und die richtigen Worte fallen und die falschen unterbleiben. Das gelingt in einer Kapelle, das gelingt im Wald, und es misslingt an beiden Orten, wenn niemand sich Mühe gibt. Wie ihr eine solche Feier gestalten könnt, welche Fragen vorher zu klären sind und was eine freie Trauerfeier von einer kirchlichen unterscheidet, habe ich in meinen häufigen Fragen zur Trauerfeier zusammengetragen.
Mein Fazit: kein Trend, sondern eine Rückkehr
Was ist also dran am „Trend“ Waldbestattung? Ich glaube inzwischen: Das Wort führt in die Irre. Trends kommen und gehen; dies hier ist eher eine Rückkehr. Menschen wurden über Jahrtausende der Natur übergeben, unter freiem Himmel, im Kreis derer, die sie liebten. Der Wald holt etwas zurück, das uns zwischen Verwaltungsgebäuden und Grabmalordnungen abhandengekommen war: die Selbstverständlichkeit, dass der Tod zum Leben gehört wie der Herbst zum Jahr.
Die Familie von damals, an jenem Oktobermorgen, besucht ihre Buche noch immer. Die Tochter hat mir einmal geschrieben, sie fahre jetzt öfter in den Wald als früher zu jedem Friedhof. Nicht aus Pflicht. Sondern weil es dort schön ist. Weil man dort atmen kann.
Mehr kann ein Ort des Abschieds nicht leisten. Und weniger sollte er nicht.
Wenn ihr einen Abschied im Wald plant – oder noch gar nicht wisst, welche Form die richtige ist – begleite ich euch gern: mit einer persönlichen Trauerrede und einer Zeremonie, die zu dem Menschen passt, um den es geht. In Berlin, Potsdam und ganz Brandenburg. Lernt mich in einem unverbindlichen, kostenlosen Kennenlerngespräch kennen – am Telefon, per Video oder bei Ihnen zu Hause.
Veröffentlicht von Antje Peter | Freie Rednerin in Berlin, Potsdam & Brandenburg | Mehr über meine Arbeit als Trauerrednerin



