Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin
Foto: (c) Antje Peter

Es gibt einen Satz, den ich in meiner Arbeit als Trauerrednerin manchmal höre, und der sich jedes Mal anders anfühlt als alle anderen Sätze. Er ist kurz. Er ist leise. Und er enthält eine Wucht, die sich erst entfaltet, wenn er ausgesprochen ist:

„Er hat sich das selbst so ausgesucht.“

Manchmal sagen das die Angehörigen mit Bitterkeit. Manchmal mit Unglauben. Manchmal mit einer seltsamen, schuldbewussten Erleichterung, weil die Person, die gegangen ist, lange gelitten hat. Manchmal mit einer Leere, die sie selbst nicht benennen können. Und sehr oft: mit all diesen Gefühlen gleichzeitig.

Wenn ein Mensch freiwillig geht – durch Suizid –, hinterlässt er eine Art Trauer, die sich von anderen Verlusten unterscheidet. Nicht im Schmerz an sich, aber in seiner Struktur. In den Fragen, die er aufwirft. In den Stellen, die er im Inneren der Hinterbliebenen berührt, die eigentlich niemand berühren sollte.

Über diesen Abschied möchte ich in diesem Beitrag schreiben. Ohne Beschönigung, ohne falsche Aufmunterung. Aber auch ohne Ratlosigkeit. Weil es dazu Wissen gibt, das hilft. Weil es Menschen gibt, die diesen Weg begleiten können. Und weil auch dieser Abschied – gerade dieser – eine würdevolle Trauerfeier verdient.

Eine besondere Form des Verlustes

Zunächst ein Wort zur Sprache. Ich verwende in diesem Beitrag den Begriff „freiwillig gegangen sein“ – weil er dem entspricht, was viele Angehörige selbst sagen. Gleichzeitig ist es wichtig zu wissen: Suizid ist in den allermeisten Fällen kein freier, wohlüberlegter Entschluss in dem Sinne, den wir mit „Freiheit“ verbinden. Er geschieht meist in einem Zustand extremer psychischer Not, in dem die Wahrnehmung so verengt ist, dass der Tod als einziger Ausweg erscheint.

Das Robert Koch-Institut dokumentiert für Deutschland jährlich rund 10.000 Suizidtodesfälle – das entspricht etwa 27 Menschen pro Tag. Damit sterben in Deutschland mehr Menschen durch Suizid als durch Verkehrsunfälle, Mord und illegale Drogen zusammen. Jede dieser Zahlen steht für eine Familie, für Menschen, die zurückbleiben.

Und jeder dieser Tode hinterlässt eine besondere Art von Wunde.

Warum sich diese Trauer anders anfühlt

Trauer ist immer komplex. Ich habe das in einem früheren Beitrag über die Phasen der Trauer beschrieben: Verlust tut körperlich weh, er erschüttert die Identität, er fordert Zeit und Raum. Doch Trauer nach Suizid hat spezifische Züge, die sie von anderen Verlustformen unterscheiden.

Fachleute sprechen von „complicated grief“ oder genauer: von Suizid-Trauer (englisch: suicide bereavement) als einer eigenen Kategorie, die besondere Begleitung erfordert. Der amerikanische Suizidologe Edwin Shneidman, der den Begriff des „psychischen Schmerzes“ (Psychache) geprägt hat, sprach davon, dass Suizid den Hinterbliebenen eine Art Erbschaft hinterlässt – ein Bündel aus Schuld, Scham, Wut und Unbegreiflichkeit.

Was diese Trauer im Besonderen ausmacht, lässt sich in einigen zentralen Erfahrungen beschreiben:

Die Frage „Warum?“ – und warum sie keine Antwort findet

Nach einem plötzlichen Tod fragen sich Hinterbliebene immer: Warum? Warum jetzt? Warum so? Aber wenn ein Mensch freiwillig gegangen ist, bekommt diese Frage ein anderes Gewicht. Sie richtet sich nicht an das Schicksal oder die Medizin, sondern an den Menschen selbst. Und der antwortet nicht mehr.

Viele Hinterbliebene verbringen Jahre damit, diese Frage zu beantworten – oder zu lernen, sie unbeantwortet stehen zu lassen. Abschiedsbriefe, falls vorhanden, lösen die Frage nicht auf; oft werfen sie neue auf. Gespräche mit anderen, die dabei waren, helfen manchmal – und manchmal nicht.

Was die Trauerforschung in diesem Zusammenhang klar sagt: Das Ausbleiben einer Antwort ist keine Schuld der Hinterbliebenen. Es ist die Natur dieses Verlustes.

Schuld – das lauteste aller stillen Gefühle

Es gibt kaum ein Gefühl, das Trauernde nach einem Suizid so quält wie die Schuld. Habe ich etwas übersehen? War da ein Zeichen, das ich nicht erkannt habe? Hätte ein anderes Gespräch, ein anderer Tag, ein anderer Moment etwas geändert?

Diese Gedanken sind normal. Sie sind menschlich. Und sie sind falsch – in dem Sinne, dass sie eine Kausalität herstellen, die nicht existiert. Niemand ist allein verantwortlich für die innere Not eines anderen Menschen. Suizid ist die Folge einer Erkrankung oder einer psychischen Erschöpfung, die in der Regel weit über das hinausgeht, was Angehörige hätten verhindern können.

Das Nationale Suizidpräventionsprogramm für Deutschland (NaSPro) weist ausdrücklich darauf hin, dass Schuldgefühle bei Hinterbliebenen sehr häufig sind, aber in professioneller Begleitung bearbeitet werden können – und sollten.

Wut – auf wen, auf was?

Neben der Schuld steht die Wut. Und sie ist ein zutiefst legitimes Gefühl. Wut auf den Menschen, der gegangen ist. Wut auf das System, das ihn vielleicht nicht gut genug aufgefangen hat. Wut auf sich selbst. Wut auf das Leben überhaupt.

Diese Wut erschreckt viele Trauernde, weil sie glauben, sie sei Verrat. Wie kann man wütend sein auf jemanden, der selbst so sehr gelitten hat? Aber Wut und Liebe schließen sich nicht aus. Sie existieren nebeneinander, manchmal sogar ineinander verflochten, auf eine Weise, die sich mit dem Verstand nicht ordnen lässt.

Scham und das Schweigen nach außen

Hinzu kommt ein Gefühl, das viele Hinterbliebene nach einem Suizid beschreiben, das aber selten offen angesprochen wird: Scham. Scham gegenüber der Umwelt. Die Frage, wie man erklären soll, was passiert ist. Die Angst vor dem Urteil anderer. Das Innehalten vor der Wahrheit, wenn jemand fragt: „Wie ist er gestorben?“

Diese Scham ist ein Produkt gesellschaftlicher Tabuisierung, die langsam, aber noch nicht vollständig aufgebrochen ist. Suizid wird noch immer mit Versagen, mit psychischer Schwäche oder mit Schuld der Familie assoziiert – Vorstellungen, die wissenschaftlich nicht haltbar sind, aber kulturell tief verankert bleiben.

Das Schweigen, das aus dieser Scham entsteht, ist gefährlich. Es isoliert die Trauernden. Es verhindert, dass sie Unterstützung suchen. Und es verhindert, dass sie über den Menschen sprechen können, den sie verloren haben – was ein grundlegendes menschliches Bedürfnis in der Trauer ist.

Was die Forschung über Hinterbliebene nach Suizid weiß

Die Forschung zur Suizid-Trauer ist in den letzten Jahrzehnten deutlich gewachsen. Eines der wichtigsten Erkenntnisse: Hinterbliebene nach Suizid tragen selbst ein erhöhtes Risiko für psychische Erkrankungen – darunter Depressionen, Posttraumatische Belastungsstörungen und, in einem geringeren, aber dokumentierten Maß, suizidales Denken.

Eine umfangreiche Metaanalyse, die in der Fachzeitschrift The Lancet Psychiatry veröffentlicht wurde, zeigte, dass Hinterbliebene nach Suizid signifikant häufiger psychiatrische Behandlung benötigen als Menschen, die andere Verluste erlebt haben. Das ist keine Schwäche – es ist eine angemessene Reaktion auf einen außerordentlich belastenden Verlust.

Diese Erkenntnisse unterstreichen, wie wichtig es ist, dass Hinterbliebene nach einem Suizid nicht allein gelassen werden – weder von der Gesellschaft noch von den professionellen Begleitstrukturen.

Die Trauerfeier nach einem Suizid – ein besonders heikler und besonders wichtiger Moment

In meiner Arbeit als freie Trauerrednerin in Berlin begegne ich immer wieder Familien, die nach einem Suizid vor einer Frage stehen, die sich bei anderen Todesfällen so nicht stellt: Was sagen wir auf der Trauerfeier? Wie sagen wir es? Und wie viel sagen wir überhaupt?

Das sind keine leichten Fragen. Und es gibt keine einzige richtige Antwort. Aber es gibt einige Überlegungen, die helfen können.

Warum die Trauerfeier nicht schweigen sollte – und warum sie nicht alle Details braucht

Eine Trauerfeier nach einem Suizid steht vor einem Spannungsfeld: Auf der einen Seite das verständliche Bedürfnis mancher Familien, die Todesumstände zu schützen – aus Rücksicht auf ältere Familienmitglieder, Kinder, oder aus Angst vor gesellschaftlichem Urteil. Auf der anderen Seite: die Kraft, die im Aussprechen liegt.

Was ich aus vielen Gesprächen und aus der Trauerforschung weiß: Eine Trauerfeier, die den Tod vollständig umgeht, kann für Hinterbliebene erschwerend wirken. Sie fühlt sich unvollständig an. Sie erzeugt eine Art kollektives Schweigen, das die individuelle Trauer isoliert.

Das bedeutet nicht, dass eine Trauerrede alle Details nennen muss. Es gibt einen Mittelweg: ehrlich sein, ohne explizit zu sein. Man kann sagen: „Er ist aus dem Leben gegangen, als er nicht mehr konnte.“ Oder: „Sie hat sich entschieden zu gehen, in einer Zeit, die für sie unerträglich geworden war.“ Das ist wahr. Das ist respektvoll. Und es gibt den Anwesenden die Erlaubnis, das zu fühlen, was sie fühlen – ohne es in eine Sprachlosigkeit einzusperren.

Was eine gute Trauerfeier in diesem Fall leisten kann

Eine persönlich gestaltete Trauerfeier nach einem Suizid kann mehrere Dinge leisten, die für die Trauerbewältigung entscheidend sind:

Sie würdigt den Menschen, nicht nur seinen Tod. Der Mensch, der gegangen ist, war mehr als sein letzter Akt. Er hatte ein Leben, eine Geschichte, Menschen, die er geliebt hat und die ihn liebten. Eine Trauerfeier, die das sichtbar macht, gibt den Hinterbliebenen die Erlaubnis, zu trauern – nicht nur um die Umstände des Todes, sondern um den Menschen.

Sie schafft einen gemeinsamen Rahmen. Suizid isoliert. Er zieht Grenzen zwischen denen, die davon wissen, und denen, die nichts wissen. Eine Trauerfeier ist ein Moment, in dem alle gemeinsam innehalten – mit all ihrer Unterschiedlichkeit, all ihren Reaktionen. Diese Gemeinschaft ist heilsam.

Sie gibt dem Unbegreiflichen eine Form. Das ist die Aufgabe aller Abschiedsrituale: Das, was sich dem Verstand entzieht, in Handlungen zu kleiden, die man tun, erleben, fühlen kann. Das Anzünden einer Kerze. Das Legen einer Blume. Das gemeinsame Schweigen. Das gemeinsame Weinen.

Abschiedsrituale – warum sie gerade hier so wichtig sind

Ich habe mich in anderen Beiträgen bereits ausführlich mit Abschiedsritualen beschäftigt – in Deutschland und in anderen Kulturen, etwa in Mexiko. Was alle Kulturen gemeinsam haben: Rituale sind keine dekorativen Zugaben zur Trauer. Sie sind strukturierende Elemente der Trauerarbeit.

Der Anthropologe Harvey Whitehouse von der Universität Oxford hat in seiner Forschung gezeigt, dass kollektive Rituale – auch schmerzhaft erlebte – die soziale Bindung zwischen Menschen stärken. Sie erzeugen das Gefühl, etwas gemeinsam durchlebt zu haben. Das ist kein Nebenprodukt – das ist ihr Kern.

Gerade bei einem Verlust durch Suizid, der Isolation, Scham und Sprachlosigkeit erzeugt, sind Abschiedsrituale besonders kostbar. Sie sagen: Wir sind hier. Wir trauern gemeinsam. Dieser Mensch gehört zu uns.

Welche Abschiedsrituale helfen können

Es gibt keine Pflichtrituale. Aber es gibt Möglichkeiten, die sich in der Praxis als hilfreich erwiesen haben.

Das Kerzenritual: Jede Person zündet eine Kerze an – für eine Erinnerung, einen Wunsch, einen Dank. Das Licht macht das Innere sichtbar, ohne Worte zu erzwingen.

Gemeinsames Schweigen: Ein bewusst gestalteter Moment der Stille, der nicht gefüllt werden muss. Er gibt Raum für das, was sich nicht aussprechen lässt.

Das Ablegen von Gegenständen: Fotos, Briefe, persönliche Dinge, die dem Verstorbenen bedeutsam waren. Ein Gegenstand, der sagt: Ich habe dich gekannt. Ich habe dich geliebt.

Das Aufschreiben: Manche Familien bitten die Gäste, auf kleinen Zetteln eine Erinnerung, einen Wunsch oder einen Dank aufzuschreiben – und diese gemeinsam zu sammeln, zu verbrennen oder beizulegen. Das gibt der Trauer eine körperliche, handlungsfähige Form.

Musik: Das Lieblingslied des Verstorbenen. Ein Stück, das etwas über ihn sagt, ohne dass Worte gesagt werden müssen. Musik erreicht Orte, die Sprache nicht erreicht.

Nachträgliche Abschiedszeremonien – wenn die Trauerfeier nicht ausreichte

Manchmal war die erste Trauerfeier überstürzt. Manchmal stand die Familie unter Schock und hat Entscheidungen getroffen, die sich im Nachhinein nicht richtig anfühlen. Manchmal gab es keine Trauerfeier – weil die Familie es nicht über sich brachte, weil die Umstände es nicht erlaubten, weil niemand wusste, wie.

In solchen Fällen kann eine nachträgliche Abschiedszeremonie helfen. Das ist keine ungewöhnliche Praxis – sie ist ein anerkanntes Element der Trauerbegleitung. Ein kleiner, persönlicher Moment zu einem späteren Zeitpunkt, an einem Ort, der bedeutsam ist. Mit den Menschen, die wirklich eng waren. Mit Worten, die jetzt – nach Wochen oder Monaten – gesagt werden können, weil der erste Schock sich etwas gelichtet hat.

Wenn Sie so etwas in Erwägung ziehen: Sprechen Sie mich gern an. Ich gestalte solche Zeremonien – ohne Druck, ohne Schema. Nur mit dem, was wirklich passt.

Was Hinterbliebene wirklich brauchen – konkret und ehrlich

Wer jemanden nach einem Suizid begleiten möchte, steht oft besonders hilflos da. Was sagt man? Was fragt man? Was sollte man auf keinen Fall sagen?

Ich habe viele Gespräche mit Trauernden geführt. Was ich dabei gelernt habe, ist: Die gut gemeinten Sätze sind oft die verletzendsten.

„Er ist jetzt an einem besseren Ort.“ – Das klingt nach Rechtfertigung. Als sei es richtig gewesen, zu gehen.

„Du musst jetzt stark sein.“ – Das sagt: Deine Trauer ist eine Belastung. Versteck sie.

„Das hätte man doch sehen müssen.“ – Das verstärkt die Schuld, die sowieso schon da ist.

Was hilft, ist weniger das Richtige zu sagen als das Falsche zu lassen. Präsenz, nicht Perfektion. Da sein. Fragen: „Wie geht es dir heute?“ – und wirklich zuhören. Den Namen des Verstorbenen nennen. Über ihn sprechen. Ihn nicht in der Stille vergraben.

Und: Professionelle Unterstützung empfehlen, wenn sie gebraucht wird. In Deutschland gibt es dafür gute Anlaufstellen.

Professionelle Unterstützung für Hinterbliebene

Hinterbliebene nach Suizid sollten wissen: Es gibt Menschen und Einrichtungen, die genau dafür ausgebildet sind, sie zu begleiten. Das ist keine Schwäche – es ist Selbstverantwortung.

Die Telefonseelsorge Deutschland ist kostenlos, anonym und rund um die Uhr erreichbar – unter den Nummern 0800 111 0 111 und 0800 111 0 222. Sie bietet erste Orientierung und Entlastung, auch für Hinterbliebene.

Der Bundesverband Trauerbegleitung e.V. vermittelt zertifizierte Trauerbegleiterinnen und -begleiter, die auf komplizierte Trauer spezialisiert sind – darunter auch auf Suizid-Trauer.

Das AGUS-Netzwerk (Angehörige um Suizid) ist ein deutschlandweites Selbsthilfenetzwerk speziell für Menschen, die jemanden durch Suizid verloren haben. Hier finden Hinterbliebene Gruppen, in denen sie unter Gleichbetroffenen sprechen können – ohne erklären zu müssen, ohne rechtfertigen zu müssen.

Psychotherapeutische Unterstützung – entweder direkt oder über die Vermittlung des Hausarztes – sollte niederschwellig in Anspruch genommen werden. Die Wartezeiten in Deutschland sind leider oft lang; Krisentelefone und Selbsthilfegruppen können überbrücken, bis ein Therapieplatz gefunden ist.

Wenn Kinder hinterblieben sind

Eine besonders schwere Situation entsteht, wenn Kinder zurückbleiben – als Geschwister, als Kinder des Verstorbenen. Kinder trauern anders als Erwachsene. Sie stellen andere Fragen. Sie verarbeiten in anderen Zeitrahmen. Und sie brauchen ehrliche, altersgerechte Antworten – keine Beschönigungen, die sich später als Lügen herausstellen.

Kinder sollten nicht von der Trauer ausgeschlossen werden. Sie sollten nicht in ein Schweigen eingeschlossen werden, das ihnen sagt: Darüber reden wir nicht. Das Schweigen erzeugt Phantasien, die oft schlimmer sind als die Wahrheit.

Was Kinder brauchen, ist die Erlaubnis zu trauern – in ihrer eigenen Form, in ihrem eigenen Tempo. Und Erwachsene, die da sind, die aushalten können, was Kinder fühlen.

Die Trauerfeier kann auch für Kinder ein wichtiger Moment sein – wenn sie behutsam eingebunden werden, wenn sie eine Aufgabe bekommen, wenn sie spüren: Ich gehöre dazu. Ich darf auch trauern.

Langzeittrauer – wenn der Schmerz nicht vergeht

Trauer hat keine festgelegte Dauer. Das gilt für alle Verluste – und besonders für Trauer nach Suizid. Manche Menschen sind nach einem Jahr wieder handlungsfähig und haben begonnen, das Erlebte zu integrieren. Andere tragen die Last noch nach fünf, nach zehn Jahren.

Das ist kein Versagen. Es ist Trauer.

Was auffällig sein kann und professionelle Unterstützung nahelegt, sind folgende Anzeichen: anhaltende Unfähigkeit, am Alltag teilzunehmen; das Gefühl, das Leben habe ohne den Verstorbenen keinen Sinn mehr; intensive, sich nicht verändernde Schuldgefühle; sozialer Rückzug über lange Zeit; der Gedanke, dem Verstorbenen folgen zu wollen.

In diesen Fällen ist professionelle Hilfe keine Option – sie ist notwendig. Und sie wirkt.

Wie eine Trauerfeier nach einem Suizid gelingen kann

Ich möchte zum Abschluss noch einmal auf die Trauerfeier zurückkommen. Weil sie oft der erste, manchmal der einzige öffentliche Moment ist, in dem dieser Tod benannt, dieser Mensch gewürdigt und diese Trauer geteilt wird.

Eine gelungene Trauerfeier nach einem Suizid ist keine besonders mutige oder außergewöhnliche Trauerfeier. Sie ist schlicht eine ehrliche. Eine, die den Menschen zeigt, der wirklich da war. Die sagt: Er hat gelebt. Er hat geliebt. Er hat gelitten. Er ist gegangen. Und wir vermissen ihn.

Die Abschiedsrituale, die in eine solche Feier eingebettet werden, können dabei helfen, das Unaussprechliche zu halten – ohne es auflösen zu müssen. Das Licht der Kerzen. Die Stille. Die Blume auf dem Sarg. Der Satz, der gesagt werden darf.

Als freie Trauerrednerin gestalte ich solche Feiern konfessionell ungebunden, vollständig auf die Familie und den Menschen abgestimmt. Ich führe ausführliche Vorgespräche – achtsam, ohne Druck, ohne vorgefertigte Antworten. Ich schreibe Reden, in denen der Verstorbene wirklich sichtbar wird, in seiner ganzen Menschlichkeit.

Und ich weiß, dass es Familien gibt, die erst nach Wochen oder Monaten so weit sind – dann ist auch das der richtige Zeitpunkt.

Was bleibt

Es gibt einen Satz, den ich manchmal nach einer Trauerfeier höre, und der mir jedes Mal etwas bedeutet. Er klingt einfach. Er ist es nicht:

„Es hat sich richtig angefühlt.“

Das ist das Ziel. Nicht, den Tod zu erklären. Nicht, die Fragen zu beantworten, die keine Antwort haben. Sondern: einen Moment zu schaffen, der sich richtig anfühlt. In dem der Mensch, der gegangen ist, wirklich da ist. In Erinnerungen, in Worten, in der Stille zwischen den Sätzen.

Das verdient jeder Mensch. Auch – und vielleicht gerade – der, der freiwillig gegangen ist.


Von Antje Peter, freie Trauerrednerin in Berlin. Wenn Sie eine persönliche Trauerfeier gestalten möchten oder Fragen haben, nehmen Sie gern Kontakt auf. Ich begleite Familien in Berlin, Potsdam und Brandenburg – und darüber hinaus.

Häufige Fragen zum Thema freiwilliger Abschied und Trauer

Wie erkläre ich Kindern, dass jemand freiwillig gegangen ist?

Kinder brauchen ehrliche, altersgerechte Antworten. Fachleute empfehlen, das Wort „Suizid“ oder „er hat sich das Leben genommen“ zu verwenden – sobald das Kind alt genug ist, es zu verstehen. Beschönigungen wie „er ist eingeschlafen“ erzeugen Ängste. Das Nationale Suizidpräventionsprogramm bietet hier hilfreiche Orientierung für Eltern und Bezugspersonen.

Ist es normal, nach dem Suizid eines Angehörigen selbst suizidale Gedanken zu haben?

Trauernde nach Suizid haben nachweislich ein erhöhtes Risiko für suizidales Denken. Wenn solche Gedanken auftreten, ist das kein Zeichen von Schwäche – aber ein Zeichen, dass professionelle Unterstützung jetzt dringend gebraucht wird. Wenden Sie sich an die Telefonseelsorge (0800 111 0 111, kostenlos, 24/7) oder einen Arzt.

Was gehört zu einer würdevollen Trauerfeier nach einem Suizid?

Dasselbe wie bei jeder anderen Trauerfeier: Ehrlichkeit, Persönlichkeit, Würde. Der Mensch soll sichtbar werden – nicht sein Tod. Eine gute Trauerrednerin hilft, die richtige Sprache zu finden: wahr, ohne explizit zu sein. Mit Abschiedsritualen, die dem Moment eine Form geben. Mehr zur Gestaltung einer Trauerfeier in Berlin erfahren Sie auf dieser Seite.

Wie lange dauert die Trauer nach einem Suizid?

Es gibt keine Uhr, die die Trauer begrenzt. Suizid-Trauer dauert oft länger als andere Formen des Verlustes – weil die ungeklärten Fragen, die Schuld und die Scham den Heilungsprozess verlangsamen können. Professionelle Trauerbegleitung und Selbsthilfegruppen wie das AGUS-Netzwerk können dabei helfen, diesen Weg nicht allein zu gehen.

Was ist der Unterschied zwischen einer freien Trauerfeier und einer kirchlichen?

Eine freie Trauerfeier ist konfessionell ungebunden und vollständig auf den Verstorbenen und die Familie abgestimmt. Es gibt keine liturgischen Vorgaben, keine Pflichtformeln. Im Mittelpunkt steht der Mensch – in seiner ganzen, widersprüchlichen Menschlichkeit.