Von Antje Peter
Foto: (c) Antje Peter
Es gibt einen Moment bei Trauerfeiern, den ich immer wieder erlebe – und der jedes Mal etwas in mir berührt. Jemand erzählt eine Geschichte. Eine dieser Geschichten, die man nicht erfindet, weil sie so absurd, so unverkennbar, so diese eine Person ist. Und dann passiert es: Gelächter. Echt, tief, warm. Manchmal kurz und verlegen. Manchmal so, dass es den ganzen Raum erfüllt.
Und dann kommt meistens das schlechte Gewissen.
Die Blicke wandern umher. Darf man das? Hier, jetzt, wo doch gerade alle in Schwarz gekleidet sind, wo die Urne oder der Sarg vorne steht, wo der Schmerz greifbar ist wie ein Gegenstand im Raum? Ist Lachen respektlos? Ist es ein Verrat an der Trauer?
Meine Antwort – und sie ist nicht nur persönlich, sondern gut belegt – lautet: Nein. Ganz und gar nicht. Lachen auf einer Trauerfeier ist kein Zeichen von Gleichgültigkeit. Es ist, wenn es aus dem richtigen Ort kommt, eine der menschlichsten Formen der Erinnerung und der Würdigung.
Und weil ich als Trauerrednerin in Berlin immer wieder erlebe, wie viel Kraft und Trost in diesem gemeinsamen Lachen liegt – und wie viele Menschen sich hinterher dennoch dafür schämen – möchte ich diesem Thema heute mehr Raum geben als es gewöhnlich bekommt.
Was wir glauben, was eine Trauerfeier sein muss
Bevor wir über Humor sprechen können, müssen wir kurz über die Vorstellungen sprechen, die wir von Trauer tragen. Von klein auf lernen wir, wie Trauer aussieht. Schwarz. Gedämpfte Stimmen. Gesenkter Blick. Tränen, die vornehm gehalten werden. Ernst. Stille. Eine bestimmte Art von Würde, die vor allem damit zu tun hat, was wir nicht tun: nicht lachen, nicht zu laut sprechen, nicht die falsche Emotion zeigen.
Diese Vorstellungen kommen irgendwoher. Zum Teil aus kirchlicher Tradition, zum Teil aus gesellschaftlichen Konventionen, die sich über Generationen eingeschliffen haben. Die Trauerfeier als Ort der Ernsthaftigkeit, der Contenance, der kontrollierten Gefühle.
Das Problem daran: Trauer ist nicht kontrolliert. Trauer ist ein Sturm. Sie kommt in Wellen. Sie wechselt die Form. Sie ist gleichzeitig Schmerz und Dankbarkeit, Erschöpfung und Liebe, Verlust und Erinnerung. Und manchmal – mitten in diesem Sturm – ist sie auch ein warmes Schmunzeln über eine Eigenart, die wir nie mehr erleben werden.
Wer vorschreibt, dass eine Trauerfeier nur Ernsthaftigkeit kennt, beschneidet das, was Trauer wirklich ist: eine zutiefst lebendige Reaktion auf das Unwiederbringliche.
Was die Psychologie sagt: Humor als Schutzfaktor
Es ist kein Bauchgefühl, dass Lachen in der Trauer heilsam sein kann – es ist gut untersucht. Das Ärzteblatt berichtete bereits 2019 von einer Befragung zu Belastungs- und Schutzfaktoren im Umgang mit dem Tod: Humor belegte dabei den zweiten Platz der wichtigsten Schutzfaktoren. Er helfe dabei, Sprachlosigkeit zu überwinden, Perspektivwechsel zu ermöglichen und soziale Beziehungen zu stärken – gerade in den Momenten, in denen sie am stärksten gebraucht werden.
Die Psychologin und Therapeutin Homeira Hennig-Namvar verweist in ihrer Arbeit auf die Forschung von Keltner und Bonanno (1997): Trauernde Menschen, die früh wieder lachen konnten, zeigten eine bessere emotionale Regulation und deutlich weniger depressive Symptome. Lachen in der Trauer ist also kein Zeichen dafür, dass jemand nicht genug trauert – es ist oft ein Zeichen dafür, dass jemand gut mit dem Verlust umgeht.
Das klingt vielleicht paradox. Aber wenn man es einmal gehört hat, leuchtet es sofort ein: Wer in der Lage ist, mitten im Schmerz einen Moment der Leichtigkeit zuzulassen, der zeigt, dass er nicht von der Trauer überrollt wird – sondern dass er sie trägt, mit ihr lebt, sie integriert. Das ist Resilienz. Das ist Stärke, nicht Schwäche.
Neurobiologisch lässt sich das ebenfalls erklären: Lachen setzt Endorphine frei, löst Anspannung im Körper und gibt dem Nervensystem für einen Moment Erholung von dem, was Trauer körperlich bedeutet – dem Druck in der Brust, der Schwere in den Gliedern, dem Gefühl, kaum atmen zu können.
Darf man bei einer Trauerfeier lachen? Ja – und hier ist warum
Trauerbegleiterin Helen Hollinger, die an der Johanneskirche in Zürich tätig ist und eine Masterarbeit über Humor und Trauer verfasst hat, bringt es auf den Punkt: Auf den ersten Blick sind viele Menschen entsetzt über diese Kombination. Wer aber genauer hinschaut, entdeckt, dass Humor in Trauersituationen gar nicht so selten ist – und gar nicht so falsch. Bei Beerdigungen werden gern lustige Anekdoten der verstorbenen Person erzählt, was eine Art „humoristische Trauerpause“ erzeugt. Hollinger selbst betont, dass Humor Distanz und Erleichterung schafft – das Gegenteil von Hilflosigkeit und Angst.
Und genau das erlebe ich in meiner Arbeit als Trauerrednerin immer wieder. Die Momente, die am tiefsten berühren, sind nicht immer die stillsten. Manchmal ist es die Geschichte über die unverbesserliche Morgenmuffeligkeit des Vaters. Die Schilderung, wie die Großmutter jedes Jahr zu Weihnachten die gleiche Melodie auf der Mundharmonika gespielt hat – falsch, aber mit Inbrunst. Die Anekdote, wie jemand partout nicht zugeben wollte, sich verfahren zu haben, obwohl das gesamte Auto wusste, dass er falsch abgebogen war.
Diese Geschichten machen den Menschen lebendig. Sie zeigen ihn so, wie er war – nicht wie ein Heiligenbild, sondern als der echte Mensch, den alle im Raum gekannt und geliebt haben. Und in diesem Lachen steckt keine Respektlosigkeit. Darin steckt das Gegenteil: eine tiefe, liebevolle Anerkennung dessen, was diesen Menschen einzigartig gemacht hat.
„Lachen am Ende erzählt auch davon, dass einer tatsächlich gelebt hat.“ – Eric Wrede, Bestatter, zit. nach Leipziger Zeitung
Wie andere Kulturen damit umgehen
Es lohnt sich, für einen Moment aus unserer mitteleuropäischen Trauertradition herauszutreten und zu schauen, wie andere Kulturen mit dem Tod umgehen. Nicht weil wir alles übernehmen müssten – sondern weil es hilft, die eigenen Konventionen zu hinterfragen.
In Ghana, Thailand oder Madagaskar sind Beerdigungen oft ausgelassene Feste. Menschen tragen weiße Kleidung, singen freudvolle Lieder, erzählen Geschichten, tanzen. Sie sind überzeugt, dass es dem Verstorbenen nun besser geht – und dass die Gemeinschaft der Lebenden diesen Übergang würdig und freudig begleiten soll. Auf einem Berliner Friedhof kam es einmal zu dem kuriosen Vorfall, dass Angehörige einer Frau aus Ghana tanzten, lachten und trommelten – und dafür einen Strafzettel bekamen. Der Konflikt zwischen zwei Trauerverständnissen, unvereinbar und doch beide in sich vollkommen sinnvoll.
Auch in der irischen Tradition des „Wake“ – der Totenwache, bei der man die ganze Nacht gemeinsam beim Verstorbenen sitzt, Geschichten erzählt, trinkt und manchmal lacht – steckt eine Weisheit, die wir uns vielleicht öfter erlauben sollten: Der Tod gehört zum Leben, und das Leben schließt Freude ein.
Der feine Unterschied: Was Humor bei einer Trauerfeier kann – und was nicht
Es wäre unehrlich, das alles zu sagen, ohne auch die Grenzen zu benennen. Denn natürlich gibt es Humor, der fehl am Platz ist. Humor, der aus Verlegenheit entsteht, der den Schmerz wegreden will, der den Trauernden das Recht auf ihre Gefühle nimmt. Das ist nicht gemeint.
Was gemeint ist, ist der Humor, der aus Erinnerung entsteht. Aus Liebe. Aus dem tiefen Kennen eines Menschen. Helen Hollinger nennt es das „absolute Fingerspitzengefühl“: Feine Formen des Humors – ein tröstliches Lächeln, eine liebevolle Anekdote, ein Moment des gemeinsamen Schmunzelns – sind etwas ganz anderes als plumpe Witze oder aufgesetzter Leichtsinn. Galgenhumor, so Hollinger weiter, sei vor allem den Betroffenen selbst vorbehalten. Er kann Distanz schaffen, er kann Ventil sein – aber er braucht den richtigen Raum und die richtige Person.
Als Trauerrednerin ist es meine Aufgabe, diesen Raum zu gestalten. Zu spüren, was dieser Familie, dieser Trauergemeinschaft, diesem Moment entspricht. Manchmal ist das tiefe Stille. Manchmal ist es das gemeinsame Weinen. Und manchmal – wenn es sich organisch ergibt, wenn eine Geschichte so richtig ist, dass sie gar nicht anders kann als ein Lächeln hervorzurufen – dann ist auch das ein Teil davon.
Ich schreibe keine Pointen in Trauerreden. Aber ich scheue mich auch nicht davor, die liebenswerten Eigenheiten eines Menschen so zu schildern, dass ein Schmunzeln entsteht. Weil das auch Würde ist. Weil das auch Respekt ist. Weil das zeigt: Wir haben diesen Menschen wirklich gekannt.
Rituale bei der Trauerfeier – und wie sie Raum für alles schaffen
Eng verbunden mit der Frage, was bei einer Trauerfeier „erlaubt“ ist, ist die Frage nach den Ritualen. Rituale sind das Rückgrat einer Trauerfeier. Sie geben Halt, wenn die Welt sich aufgelöst anfühlt. Sie schenken Struktur in einem Moment, in dem alles aus den Fugen geraten ist. Und – das ist vielleicht das Wichtigste – sie geben dem Körper etwas zu tun. In einem Moment, in dem der Kopf nicht mehr kann, kann die Hand noch eine Kerze anzünden. Kann der Körper noch eine Blume ablegen.
Gute Rituale bei der Trauerfeier schaffen außerdem Raum für die ganze Bandbreite der Gefühle – einschließlich der unerwarteten. Ein Erinnerungsritual, bei dem jede Person eine Anekdote oder eine Erinnerung teilt, kann Lächeln und Tränen in einem Atemzug hervorbringen. Und das ist nicht widersprüchlich. Das ist menschlich.
Zu den Ritualen, die ich in Trauerfeiern einbinde und die ich besonders schätze, gehören unter anderem diese:
Erinnerungsritual
Jede Person im Raum erhält die Einladung, eine Erinnerung zu teilen – still für sich, auf einem kleinen Zettel, oder laut. Die Mischung aus ernsten und heiteren Erinnerungen, die dabei entsteht, ist oft das Lebendigste an einer ganzen Feier. Sie zeigt den Verstorbenen so, wie er war: vielschichtig, echt, unvergesslich.
Kerzenritual
Jede Person zündet eine Kerze an – für eine Erinnerung, einen Wunsch, einen Dank. Dieses uralte Symbol für Licht in der Dunkelheit braucht keine Worte. Aber es kann Worte begleiten. Und manchmal kommt dabei eine Geschichte heraus, bei der alle lächeln müssen – weil sie so wahr ist.
Das offene Mikrofon
Nicht bei jeder Trauerfeier passend, aber manchmal das Stärkste: Wenn ich den Raum öffne und frage, wer etwas sagen, vorlesen oder erzählen möchte. Was dann kommt, ist nie vorhersehbar. Aber es ist immer echt. Und es bringt oft genau das an die Oberfläche, was der Trauergemeinschaft fehlt: das Gefühl, gemeinsam zu trauern, gemeinsam zu erinnern – und ja, manchmal auch gemeinsam zu lachen.
Stillerituale
Nicht weniger wichtig ist die Stille. Ein Moment, in dem alle innehalten, atmen, bei sich sind. Gute Rituale wechseln zwischen Bewegung und Stille, zwischen Sprechen und Schweigen, zwischen Emotion und Sammlung. Sie geben jedem Gefühl seinen Platz.
Was bleibt, wenn wir Abschied nehmen
Ich habe in meinen Jahren als Trauerrednerin viele Trauerfeiern begleitet. Unterschiedlichste Menschen, unterschiedlichste Familien, unterschiedlichste Verluste. Aber eines kehrt immer wieder: Die Momente, an die sich die Menschen am stärksten erinnern, sind nicht immer die traurigsten. Es sind die wahrhaftigen.
Der Moment, in dem das Bild eines Menschen so lebendig wird, dass man das Gefühl hat, er könnte gleich um die Ecke biegen. Der Moment, in dem eine Anekdote einen so unverkennbaren Zug dieser Person zeigt, dass Gelächter und Tränen gleichzeitig kommen. Der Moment, in dem man in einer Trauerhalle merkt: Ja. Das war sie. Das war er. So haben wir ihn geliebt.
Das ist keine Ablenkung von der Trauer. Das ist die Trauer – in ihrer vollständigsten, menschlichsten Form.
Trauer und Humor schließen sich nicht aus. Sie wohnen nebeneinander, manchmal in demselben Satz, demselben Moment. Wer sich erlaubt, beides zu fühlen, trauert nicht weniger tief. Er trauert lebendiger. Und das, glaube ich, ist das größte Geschenk, das wir einem Menschen machen können, von dem wir Abschied nehmen: ihn so zu erinnern, wie er wirklich war.
Meine Haltung als Trauerrednerin
Ich sage das nicht als Theorie. Ich sage es aus Erfahrung. Aus den vielen Gesprächen, die ich mit Familien geführt habe, bevor ich eine Trauerrede schreibe. Aus dem, was mir erzählt wird – und aus dem, was dabei immer wieder passiert: Mitten im Trauergespräch kommt ein Schmunzeln. Eine Geschichte, die die Person zu Lebzeiten beschrieben hätte. Und ich schreibe sie auf.
Weil sie wichtig ist. Weil sie zeigt, wer dieser Mensch war. Weil die Trauergemeinschaft genau das braucht: nicht ein geschliffenes Porträt, sondern einen echten Menschen. Mit seinen Stärken und seinen Macken. Mit seinem Ernst und seinem Witz. Mit dem, was ihn einzigartig gemacht hat.
Das ist mein Verständnis von einer würdevollen Trauerfeier: Sie lässt alles zu, was wahr ist. Sie gibt allem Raum, was zu diesem Menschen gehört hat. Sie trauert, ja – aber sie feiert auch. Sie hält inne – aber sie erinnert sich auch lebhaft. Sie weint – aber sie lacht vielleicht auch, wenn es sich ergibt.
Denn das Leben war bunt. Und der Abschied darf es auch sein.
Sie möchten eine Trauerfeier gestalten, die dem Menschen wirklich gerecht wird? Als freie Trauerrednerin in Berlin begleite ich Familien einfühlsam durch diesen Prozess – mit Worten, die berühren, mit Ritualen, die Halt geben, und mit dem Mut, auch die heiteren Seiten eines Lebens zu würdigen. Mehr erfahren oder direkt Kontakt aufnehmen.
Häufige Fragen
Darf man bei einer Beerdigung lachen?
Ja. Lachen bei einer Beerdigung ist kein Zeichen von Respektlosigkeit, sondern eine natürliche menschliche Reaktion. Humorvolle Anekdoten auf einer Trauerfeier helfen, den Verstorbenen in seiner ganzen Menschlichkeit zu würdigen und die Trauernden zu verbinden. Psychologische Studien belegen, dass Menschen, die in der Trauer auch lachen können, emotional stabiler durch den Verlust gehen.
Ist Humor bei einer Trauerfeier pietätlos?
Nur wenn er aus Gleichgültigkeit oder Unbehagen entsteht – nicht wenn er aus Erinnerung und Liebe kommt. Humor, der zeigt, wer der Verstorbene wirklich war, ist eine der tiefsten Formen der Würdigung. Es braucht allerdings das richtige Fingerspitzengefühl und den richtigen Kontext.
Welche Rituale passen zu einer Trauerfeier?
Das hängt von der Familie, dem Verstorbenen und dem Ort ab. Bewährt haben sich Erinnerungsrituale, Kerzenrituale, das offene Teilen von Anekdoten sowie Stille-Momente. Als Trauerrednerin berate ich Familien dabei, welche Rituale zu ihnen und dem Menschen passen, von dem sie Abschied nehmen.



